Chronik: So kamen die Daten an die Öffentlichkeit

Der Datenklau bei der Genfer Filiale der HSBC schlägt seit 2008 hohe Wellen. Mitarbeiter Hervé Falciani ist im Besitz heimlich kopierter Kundendaten. Er muss fliehen. Auf verschlungenen Pfaden kommen die Informationen an die Öffentlichkeit. Die Dokumente zeigen Details der Schweizer Bankgeschäfte. Etliche Kunden - auch viele namhafte - geraten in den Verdacht, sich der Steuerhinterziehung schuldig gemacht zu haben. Die Behörden beginnen, gegen sie zu ermitteln. Hier die wichtigsten Ereignisse:

  • Juni 2007

    Bankdaten beschafft und erstmalig angeboten

    Alles beginnt in der Genfer Filiale der HSBC: Hervé Falciani arbeitet dort als IT-Spezialist. Er beginnt eine Affäre mit seiner Kollegin Georgina Mikhael. Falciani sammelt heimlich Kundendaten der Privatbank. Am 17. Juni 2007 schreibt Mikhael einem Firmenchef aus Saudi-Arabien, dass sie die Daten für 1.000 US-Dollar pro Kunden anbieten.

  • Februar 2008

    Mysteriöse Reise in den Libanon

    Falciani und Mikhael reisen im Februar 2008 in den Libanon. Dort treffen sie Vertreter mehrere Banken. Falciani tritt unter dem Namen Ruben Al-Chidiack auf. Dem Anschein nach will er die gesammelten Daten verkaufen. Ein Bank-Mitarbeiter ist von dem Auftritt allerdings irritiert und informiert die Zentrale. Offenbar werden so erste Ermittlungen ausgelöst.

  • Mai 2008

    Verfahren in der Schweiz

    Am 29. Mai 2008 leitet die Schweizer Bundesanwaltschaft ein Verfahren wegen des Verdachts auf wirtschaftlichen Nachrichtendienst, unbefugte Datenbeschaffung und Verletzung von Geschäfts- und Bankgeheimnissen gegen Falciani ein.

  • Dezember 2008

    Festnahme, Flucht und Frankreich-Fiskus

    Falciani wird am 22. Dezember 2008 in Genf festgenommen. Er wird verhört, unter Auflagen wieder frei gelassen, setzt sich aber umgehend aus der Schweiz nach Frankreich ab - mit den gestohlenen Daten. An Heiligabend nimmt er Kontakt zu Jean-Patrick Martini von der Steuerbehörde DNEF auf. Wenige Tage später übergibt Falciani seine Daten. Die Steuerbehörde hat die Informationen also lange vor der Justiz.

  • Januar 2009

    Hausdurchsuchung und Entschlüsselung

    Falciani wird am 20. Januar 2009 in Gewahrsam genommen, das Haus seines Vaters durchsucht - offenbar auf das Drängen der Schweiz hin. Er sagt der Polizei, dass er bereits mit Jean-Patrick Martini von der DNEF Kontakt habe und die Daten für Frankreich wichtig seien. Staatsanwalt Eric de Montgolfier entscheidet sich daher dafür, die Daten nicht an die Schweiz herauszugeben, wie er im NDR Interview erklärt. In der Folge werden die Daten entschlüsselt, erste Ermittlungen gegen mutmaßliche Steuerhinterzieher starten.

  • Dezember 2009

    Falciani bekennt sich öffentlich

    Falciani räumt am 13. Dezember 2009 in einer Fernsehreportage auf France 2 ein, die Quelle der Daten zu sein. Er beschreibt sich als "weißen Ritter". Seine Freundin dagegen erzählt in den folgenden Wochen, er habe sie manipuliert und es sei ihm nur um Geld gegangen. Staatsanwalt Eric de Montgolfier betont am 14. Dezember 2009, er habe nichts für die Daten gezahlt. Falciani habe keine Forderungen gestellt. Die französische Justiz könne ihm nichts vorwerfen. Frankreich sagt der Schweiz zu, die gestohlenen Bankdaten sowie andere beschlagnahmte Unterlagen zurückzugeben.

  • März 2010

    HSBC informiert über Ausmaß des Datendiebstahls

    Auf ihrer Jahres-Pressekonferenz am 11. März 2010 informiert die HSBC die Öffentlichkeit mit mehr Details über Falcianis Datendiebstahl. Die Bank betont, die Daten seien keine "vollständigen Listen, sondern Ansammlungen von Einzelangaben". Die HSBC entschuldigt sich bei ihren Kunden.

  • Februar 2011

    Ermittlungen in Frankreich und Großbritannien

    In Frankreich soll besonders gegen zwölf Personen ermittelt werden, die in Geldwäsche kriminellen Ursprungs verwickelt sein sollen, wie "Le Monde" berichtete. Die Steuerbehörden haben in Paris bereits 27 Klagen erhoben wegen Steuerhinterziehung. Im Oktober gibt die britische Steuerbehörde HMRC bekannt, dass sie über Daten von 6.000 Kontoinhabern bei der HSBC verfüge. Sie fordert Betroffene zur Selbstanzeige auf, droht anderenfalls mit Verfahren. Gegen 550 Personen seien bereits Strafverfahren eingeleitet worden.

  • Juli 2012

    In Spanien inhaftiert

    Falciani besteigt am 1. Juli 2012 in Sète ein Schiff nach Barcelona. Die USA hätten ihm angeblich gesagt, dass er dort am sichersten sei. Allerdings wird er festgenommen. Die Schweiz beantragt beim spanischen Justizministerium die Auslieferung Falcianis. Zunächst arbeiten aber die spanischen Behörden mit Falciani zusammen und lassen ihn seine Daten entschlüsseln. Ende 2012 wird Falciani aus dem Gefängnis entlassen, es besteht allerdings ein Ausreiseverbot.

  • Mai 2013

    Mit Perücke und Hornbrille vor Gericht

    Der spanische Strafgerichtshof Audiencia Nacional verweigert am 8. Mai 2013 Falcianis Auslieferung an die Schweiz. Vor Gericht war Falciani mit Perücke und Hornbrille verkleidet aufgetreten. Er kehrt nach Frankreich zurück und lebt dort unter Polizeischutz. Die linke Regierung lädt ihn später ins Parlament ein und lässt sich das System der Bank erklären.

  • Dezember 2013

    Erste Verurteilungen

    Es folgen die ersten strafrechtlichen Verurteilungen. Am 18. Dezember 2013 verurteilt ein Gericht in Paris zwei Brüder zu acht bzw. zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung. Sie hatten mehrere geheime Konten in der Schweiz - der eine 800.000 US-Dollar, der andere 1,9 Millionen US-Dollar.

  • Januar 2014

    Erste Rechercheergebnisse zu Promis und Geschäftsgebaren

    Die französischen Investigativ-Journalisten Gérard Davet und Fabrice Lhomme präsentieren am 27. Januar 2014 erste Rechercheergebnisse: Die meisten der rund 3.000 potenziellen Steuersünder haben ihre Guthaben inzwischen legalisiert. Etwa 60 Prominente sind betroffen - wie etwa ein Fußball-Weltmeister von 1998, eine Ex-Miss-France sowie Filmstars. Starkoch Paul Bocuse spricht von einer "Unaufmerksamkeit": Er habe sein Konto mit 2,2 Millionen Euro schlicht vergessen. Zum Geschäftsgebaren der HSBC finden sie heraus, dass die Bank nicht nur ein System von Umgehungsmechanismen anbietet, sondern auch, die dafür nötigen Unternehmen zu gründen.

  • November 2014

    HSBC wird angeklagt

    In Belgien wird am 17. November 2014 die formale Anklage gegen die HSBC zugelassen. Schwerer und organisierter Steuerbetrug, Geldwäsche und andere illegale Tätigkeiten, so der Vorwurf. Betroffen könnten mehr als 1.000 belgische Steuerflüchtlinge mit Guthaben von mehreren Milliarden US-Dollar sein. Kurz danach läuft in Frankreich ein formelles Untersuchungsverfahren wegen aktiver Beihilfe zur Steuerhinterziehung gegen die HSBC.

  • Dezember 2014

    Anklage gegen Falciani in der Schweiz

    Die Schweiz erhebt am 11. Dezember 2014 Anklage gegen Falciani. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm "wirtschaftlichen Nachrichtendienst, unbefugte Datenbeschaffung und Bankgeheimnisverletzung" vor. Das Gerichtsverfahren beginnt möglicherweise auch bei Abwesenheit des Beschuldigten. Das Verfahren gegen Georgina Mikhael war zuvor eingestellt worden.

Dossier

Swissleaks - Geheimnisse einer Schweizer Bank

Die Schweiz ist bekannt für Geldanlagen - und Steuerhinterziehung. 100.000 gestohlene Kundendaten der HSBC in Genf zeigen, wie Reiche riesige Summen vor dem Fiskus versteckt haben. mehr