Stand: 09.09.2019 13:30 Uhr

Korrespondenten für Radiopreis nominiert

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Laudatorin Marietta Slomka überreichte Holger den Preis für seine Reportage "Unter Schlamm begraben – Spurensuche in Petobo".

Eine Nominierung für den Deutschen Radiopreis ist immer ein kleiner Ritterschlag - der Jubel war also groß, als im September 2019 bekannt wurde, dass die Jury des Grimme-Instituts das Studio in Singapur gleich zweimal bedacht hatte: "Die Korrespondenten in Südostasien" wurden in der Kategorie "Bester Podcast" nominiert. Holger Senzel schaffte es außerdem in der Kategorie "Beste Reportage" unter die besten drei - für seine bewegende Schilderung nach dem Erdbeben auf Sulawesi. Für den Podcast blieb es bei der Nominierung, aber für die Reportage holte Holger den Preis nach Singapur!

"Die Nominierung ist schon eine tolle Anerkennung!"

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Die Korrespondentenfamilie freut sich über die Nominierung für den Deutschen Radiopreis 2019.

In einem Interview erzählen Holger Senzel und Lena Bodewein, wie sie den Podcast zusammen mit der Redaktion entwickelt haben und wie sich die Rolle als "Podcast-Hosts" von ihrer Rolle als Reporter unterscheidet. "Wir haben ja schon von Anfang an viele positive Reaktionen von den Hörern bekommen", sagt Holger Senzel, "das hat uns total gefreut. Und dass die Profis vom Grimme-Institut unsere Arbeit mit einer Nominierung belohnen - das ist großartig!"

Als die Redaktion in Hamburg mit der Podcast-Idee auf euch zukam - wie war eure erste Reaktion?

Zurückhaltend-neugierig, weil wir zunächst nicht soviel damit anfangen konnten. Und Holger stammt noch aus einer Journalistengeneration, in der es schlicht als ungehörig galt, sich selbst zum Thema zu machen. Aber wir haben sehr schnell auch die Chancen des Formats erkannt: Etwa Begebenheiten zu erzählen, die kein Thema für einen Beitrag sind - aber doch Einiges über unsere neue Heimat hier erzählen.

Was hat euch an der neuen Arbeitsweise gefallen, was hat sich als schwierig erwiesen?

Schwierig war anfangs diese Gratwanderung - die Frage, wie journalistisch muss das Format sein - und ist das, was wir über unseren Alltag und unser Leben erzählen, nicht viel zu banal. Also diese Mischung zwischen Beruf und Privat - die sich aber ohnehin bei uns sehr vermischt. Was uns inzwischen wirklich Spaß macht, ist die Spontaneität. Wir wissen tatsächlich zu Beginn eines Podcasts nie, wie er aufhört. Manchmal ändert sich auch die Richtung , wenn etwa zwischendrin die Haushaltshilfe der Nachbarn deren  Kinder zum Spielen vorbeibringt - und das wird dann Teil dieses Podcasts. Oder eine Redaktion ruft an, weil sie einen Beitrag bestellen will.

Wie ist denn allgemein die Resonanz auf euer Schaffen?

Überwältigend. Das ist fast schon wie bei der Lokalzeitung, wo man mit Lesern eng zusammenlebt. Wir bekommen eine Menge Mails, die uns bestärken, dass sie genau eben auch diesen "privaten" Teil gut finden, also das Leben einer Familie in Südostasien. Manche melden sich, wenn sie etwa einen Beitrag von einem von uns im Programm von NDR Info hören und uns wiedererkannt haben. Oder sie schreiben uns konkrete Fragen, etwa zu den Themen Schule oder Gesundheitsversorgung in Singapur. Manchmal widmen wir uns dem Thema dann in einer unserer nächsten Sendungen. Einmal hat uns ein Hörer eine Wurst in Studio gebracht, weil Holger im Podcast gesagt hat, dass er deutsche Wurst hier so vermisst. Für uns ist es einfach toll, dass sich die Hörerinnen und Hörer auf diese besondere Form des Journalismus einlasen und dass sie sich mitnehmen lassen, wenn wir uns in unserer Arbeit als Menschen mit Bedenken und Zaudern und Albernheiten präsentieren.

Es ist ein sehr persönliches Format. Habt ihr manchmal das Gefühl, da ist zu viel Privates drin?

Anfangs schon - nicht weil wir Angst hatten, uns nackig zu machen, denn wir bestimmen letztlich selbst, was und wieviel wir preisgeben. Sondern weil wir uns gefragt haben, ob das überhaupt jemanden interessiert? Inzwischen denke ich, gerade das ist der Reiz: Wir zeigen den Hörern die Menschen hinter den Nachrichten. Wir steigen quasi vom hohen Ross des Berichterstatters herunter und gehen mit unseren Hörerinnen und Hörern zu Fuß. Gerade in Zeiten von "fake news" und "Lügenpresse" ist das ein gutes Element, zu zeigen, dass da eben nicht Mitarbeiter eines anonymen, riesigen öffentlich-rechtlichen Apparates sitzen, die die Leute indoktrinieren wollen - sondern ganz normale Familien. Ganz normale Menschen, die oft selbst nicht weiter wissen oder ratlos sind und sich nicht mal selbst immer einig darüber sind, wie sie die Dinge bewerten sollen.

Wie geht ihr denn damit um, wenn ihr beide unterschiedliche Meinungen habt?

Also ungewohnt ist das für uns nicht. Es spiegelt eher den normalen Umgang zwischen uns wieder. Insofern erlebt man in diesem Podcast eher die echte Lena und den echte Holger - während man im Radio ja doch die sehr sachlichen Korrespondenten Bodewein und Senzel hört. Am Anfang war es für uns ungewohnt, sozusagen öffentlich zu diskutieren, aber inzwischen macht es großen Spaß. Teilweise ist es sogar auch befreiend, weil man so manchmal viel besser die "wahre" Geschichte rüberbringen kann. Etwa nach dem Tsunami und Erdbeben in Indonesien konnten wir nicht nur sachlich berichten wie im Radio, sondern auch über unsere Gefühle reden, inmitten von Elend und Katastrophe - und so ergibt sich für die Hörerinnen und Hörer ein viel umfassenderes Bild.

Holger, du hast ja den Radiopreis in der Kategorie "Beste Reportage" gewonnen. Die Grimme-Jury hob die ruhige, eindringliche Art der Beschreibung hervor: "Der ARD-Hörfunkkorrespondent steht mitten im Katastrophengebiet und schildert, wie Wasser und Schlamm Häuser zerstört und Existenzen vernichtet hat. Er veranschaulicht das Leid der Menschen, ohne es explizit benennen zu müssen. Seine Eindrücke lassen den Hörer mitfühlen - auch über die Reportage hinaus."
Was war denn für dich das Besondere an dieser Reportage aus dem Erdbebengebiet in Sulawesi?

Es ist nicht diese eine besondere Reportage - es sind diese Einsätze in Krisenregionen, die jedesmal besonders sind. Du erlebst ein unglaubliches Ausmaß menschlichen Elends, und Du teilst für einen Moment lang die Situation mit den Leuten: Isst Militärrationen, hast kein fließendes Wasser, keinen Strom, keine Toiletten etc. Aber du weißt halt auch, dass Du in wenigen Tagen zurückkehrst in Dein zivilisiertes, bürgerliches Leben. Dir wird bewusst, wie unglaublich reich und privilegiert Du bist. Welches Glück ein kaltes Bier, ein sauberes Bett oder eine funktionierende Toilette ist.

Deine Schilderung ist ja sehr persönlich - viele Hörer sagen, ihnen kommen die Tränen beim Hören...

Ich habe mich immer bemüht um eine Berichterstattung, die Anteilnahme ermöglicht, ohne dabei ins Jammertal der Betroffenheit zu rutschen. Und natürlich bin ich nicht nur Reporter, sondern auch Mensch, Vater - wenn ich da vor diesem Dorf stehe, das komplett im Schlamm versunken ist. Und da liegen Kinderzeichnungen - genau in der Art, wie sie auch mein Sohn malt - und da denkst du dann natürlich dran, wie schrecklich das sein muss, wenn deinem Kind was passiert. Und dann wird dir klar, dass es keinen Menschen gibt, der um dieses Kind dort in Palu trauert. Keine Eltern, Großeltern, Freunde, Nachbar, weil die alle mit diesem Dorf versunken sind.

 

Weitere Informationen
Podcast

Die Korrespondenten in Singapur

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03:58

Unter Schlamm begraben: Spurensuche in Petobo

Nach dem Erdbeben auf Sulawesi (Indonesien) hat ARD-Korrespondent Holger Senzel aus dem Katastrophengebiet berichtet. Mit dieser Reportage hat er den Deutschen Radiopreis gewonnen. Audio (03:58 min)

Nominiert in der Kategorie "Bester Podcast" 2019

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