Zeitzeichen

17. Juni 1995

Mittwoch, 17. Juni 2020, 20:15 bis 20:30 Uhr, NDR Info

Die Verhüllung des Reichstagsgebäudes beginnt
Ein Beitrag von Susanne Rabsahl (WDR)

Eine Postkarte liefert 1971 die Initialzündung für eines der bekanntesten und am emotionalsten diskutierten Kunstprojekte der jüngsten deutschen Geschichte. Als nämlich der Verpackungskünstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude jene Ansichtskarte mit dem opulenten Reichstags-Kuppelgebäude erhielten, wussten sie auf Anhieb, dass sie dieses so geschichtsträchtige Gebäude verhüllen möchten. Kein anderer Ort der Welt, so der in Bulgarien geborene und in den Westen geflüchtete Künstler, könne die dramatische Konfrontation von Ost- und Westbeziehungen derart gut symbolisieren.

Was als "vollkommener Blödsinn", "als Quatsch", "als ökologische Materialverschwendung" beschimpft und dreimal offiziell abgelehnt wurde - nämlich 1977, 1981 und 1987 - nahm 1991 Form an, als die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth das Künstlerpaar zu sich nach Bonn einlud. Doch in den eigenen politischen Reihen mehrten sich Proteste - namentlich von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble - die schließlich bewirkten, dass das Parlament erstmals in seiner Geschichte leidenschaftlich über ein Kunstprojekt debattierte. Zuvor hatten Christo, Jeanne-Claude und ihre Mitarbeiter mehr als 300 Abgeordnete persönlich aufgesucht, um sie von ihrem Lebenstraum zu überzeugen. Mit 295 zu 226 Stimmen bei zehn Enthaltungen bewilligte der Bundestag in seiner 211. Sitzung das Projekt. Am 17. Juni 1995 wurde begonnen, die knapp 110.000 qm aluminiumbedampften Polypropylengewebes zu montieren, unterstützt von 90 professionellen Kletterern.