Stand: 02.09.2020 14:30 Uhr

Überfordern Drohnenangriffe die Luftverteidigung?

von Christian Wolf
Rauchwolken am Himmel über der Stadt Abqaiq in Saudi-Arabien, wo Ölanlagen des Staatsunternehmens Aramco in Flammen stehen. © picture alliance / abaca Foto: SalamPix/ABACA
Bei dem Angriff auf saudische Ölanlagen hat die Luftverteidigung versagt.

Der Angriff auf die größte Ölraffinerie der Welt in Saudi-Arabien am 14. September hat Experten und Militärs weltweit verblüfft. Mit relativ einfachen Mitteln wurde der weltweit größte Waffenimporteur attackiert und getroffen. Zu dem Angriff auf die zwei saudischen Öl-Anlagen bekannten sich die jemenitischen Huthi-Rebellen. Die USA machen allerdings den Iran für den Angriff verantwortlich. Die Auswirkungen damals waren global - kurzfristig stieg der Rohölpreis um bis zu 20 Prozent.

Schwachpunkt tieffliegende Drohnen

Wie konnten Anlagen angegriffen werden, die unter anderem von hochmodernen Patriot-Abwehrraketen geschützt worden sind? Frank Sauer, Dozent an der Universität der Bundeswehr in München, vermutet, dass die Radar-Einrichtungen ein Schwachpunkt waren. Die Patriot-Systeme seien nicht in der Lage gewesen, angreifende Drohnen verlässlich zu erkennen. Erst seit einigen Jahren versuche man, mit neuen Radarsystemen auch kleinere und niedriger fliegende Ziele zu erfassen. Denn das Patriot-System ist grundsätzlich darauf ausgelegt, hochfliegende und vor allem große Ziele zu bekämpfen - also Raketen, Flugzeuge oder eben größere unbemannte Systeme. Entsprechend sorgt das Thema Drohnen für Unruhe.

Sorge bei US-Streitkräften

So beschäftigen sich beispielsweise die USA seit rund fünf Jahren mit dem Thema. Das US-Militär befürchtet zum ersten Mal seit langem, die Lufthoheit zu verlieren, glaubt Frank Sauer. Im Nahen Osten sei es dem sogenannten "Islamischen Staat" IS gelungen, mit kleinen und "simplen Baumarkt-Helikoptern für 200 bis 300 Dollar, kleine Granaten aus der Luft in die geöffneten Luken von Panzern zu werfen". Seit diesen Angriffen forscht nicht nur das US-Militär, wie eine Verteidigung gegen Drohnen künftig aussehen könnte. Auch die Bundeswehr mache sich intensiv Gedanken, sagt Frank Sauer.

Bundeswehr debattiert über Drohnenabwehr

Das Nächstbereichschutzsystem MANTIS der Bundeswehr © Bundeswehr / Heer Foto: Bundeswehr / Heer
MANTIS soll in erster Linie Mörserangriffe auf Feldlager abwehren.

So gibt es beispielsweise beim Heer das Nächstbereich-Schutzsystem MANTIS. Allerdings ist es nicht mobil, da es für die Verteidigung von Feldlagern gedacht ist. Es erfasst anfliegende Ziele und "feuert mit einer Schnellfeuer-Kanone eine spezielle Splittermunition, die sich zerlegt und dann physisch das Ziel zerstört", erklärt Frank Sauer. Er verweist darauf, dass die Bundeswehr seit 2012 keine Heeresflugabwehr mehr hat. Jetzt gebe es wieder eine Diskussion über eine mobile Flugabwehr des Heeres, die auch Drohnen abwehren könne.

Rüstungsfirmen setzen auf eigene Systeme

Der deutsche Rüstungshersteller Rheinmetall Defence setzt bei der Drohnen-Abwehr nicht nur auf ein System, sondern auf weitere eigene Produkte. In einem Papier des Unternehmens heißt es, "zur wirkungsvollen Abwehr von Drohnen braucht es einen Mix verschiedener Sensoren, wie zum Beispiel Radar, elektro-optische Sensoren, Funkpeiler etc. Wenn es um die Bekämpfung kleiner Drohnen geht, sind Geschütze wie Skyshield von Rheinmetall, die sogenannte Air Burst Munition verwenden, sehr wirkungsvoll. Zukünftig sollen auch Hochenergie-Laser gegen Drohnen eingesetzt werden."

Gefahr durch Kleinstdrohnen an Flughäfen

Seitdem es Kleinstdrohnen gibt, tauchen diese immer wieder in der Nähe von Flughäfen auf und gefährden so den Flugverkehr. Der Hamburger Flughafen setzt auf das Projekt "Falke". Das System befindet sich in der Entwicklung und soll Drohnen erkennen, mit ihnen kommunizieren oder diese zur Not zum Absturz bringen.

Schon jetzt können Drohnen beispielsweise mit Hilfe elektromagnetischer Wellen gestört und so zur Landung gezwungen werden. Die Polizei setzt dabei auf verschiedene Systeme. Eine Variante, die aus Sicht von Oberstleutnant Gerd Espendorfer vom Hamburger Bundeswehr-Think Tank am "German Institute for Defence and Strategic Studies" GIDS aber für das Militär nicht in Frage kommt. Die Polizei möchte das Drohnenobjekt möglichst im Ganzen hinterher für die forensische Untersuchung zur Verfügung haben. Das würde beim Militär wegfallen. “Wir haben dann auch die Möglichkeit zu sagen, dass, wenn wir bedroht werden, dann könnten wir so etwas abschießen.“

Erkennung von Zielen inzwischen verbessert?

Patriot-Abwehrrakete in Stellung vor felsigem Hintergrund © Jörg Wilhelmy Foto: Jörg Wilhelmy
Patriot-Flugabwehrsysteme sind nicht zur Bekämpfung von tieffliegenden Drohnen ausgelegt.

Für neue und moderne Systeme ist es offenbar grundsätzlich möglich, erkannte tieffliegende Drohne abzuwehren. Aber wie sieht es mit dem Aufspüren und Erkennen von unbemannten Systemen aus? Auch da scheint es viele Möglichkeiten zu geben. Nach Ansicht von Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr in München können Drohnen nicht nur mit Hilfe des Radars aufgespürt werden. "Man kann auch visuell aufklären und man kann über das Geräusch der Drohnen aufklären. Die Antidrohnen-Systeme, die im zivilen Bereich eingesetzt werden - an Flughäfen oder an anderen sensiblen Einrichtungen oder aber auch zum Beispiel in Firmen - die besorgen sich solche Systeme, weil sie Industriespionage fürchten."

Drohnen werden für Militär immer wichtiger

Nicht nur aus Sicht des deutschen Rüstungsherstellers Rheinmetall spielen Drohnen auf dem Gefechtsfeld der Zukunft eine wichtige Rolle. "Bodentruppen müssen ständig damit rechnen, durch Drohnen angegriffen oder frühzeitig aufgeklärt zu werden. Wie bereits bei diversen Ereignissen zu sehen war, lassen sich Drohnen selbst für zivile Zwecke in Schwärmen einsetzen", stellt das Rüstungsunternehmen fest. "Zukünftig müssen wir daher erwarten, dass militärische Drohnenschwärme nicht nur ferngesteuert, sondern auch autonom operieren, sich selbst koordinieren und den vorgegebenen Auftrag weitgehend selbstständig durchführen werden."

Diplomatie besser als Hochtechnologie

Der Hamburger Konfliktforscher Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) verfolgt bei der Abwehr von Drohnen einen völlig anderen Weg. Seine Annahme ist, dass ein offensiver Gegner immer mittels technologischer Entwicklung eine defensiv aufgestellte Abwehr umgehen oder überraschen könne. Die Schlussfolgerung sei daher, "dass man sich nicht allein auf eine Raketenabwehr verlassen könne. Man braucht eine Diplomatie, die diese Probleme löst - nicht eine Verteidigung, die erst im letzten Moment zeigt, dass sie dann doch noch nicht mal funktioniert."

Aus Sicht von Götze Neuneck sind daher die Lehren aus dem Angriff auf die saudischen Ölanlagen, den zugrunde liegenden Konflikt politisch zu lösen und nicht allein auf eine Optimierung und Verbesserung der Abwehrsysteme zu setzen. In der Golf-Region sind solche diplomatischen Initiativen allerdings weiterhin nicht in Sicht.


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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 05.09.2020 | 19:20 Uhr