Stand: 30.04.2020 15:00 Uhr

Coronavirus - Droht Afrika eine Terror-Pandemie?

von Marc Engelhardt
Proteste Elfenbeinkueste © dpa Foto: n.n.
In der Elfenbeinküste gibt es Proteste gegen die Regierung - aber auch in anderen Ländern.

Ein Handyvideo aus Yopougon, einer Vorstadt von Abidjan, Anfang April: Ein Mob demoliert im Schutz der Dunkelheit ein Gebäude, in dem Bewohner auf das Coronavirus getestet werden sollen – aus Angst, von hier aus könne sich die Krankheit in Wohngebiete ausbreiten. Dutzende Polizisten marschieren auf, setzen Tränengas und Knüppel ein. Solche bürgerkriegsartigen Szenen spielen sich derzeit nicht nur in der Elfenbeinküste, sondern vielerorts in Afrika ab. Während sich das Coronavirus auf dem Kontinent ausbreitet, antworten viele Regierungen mit Härte, was wiederum Proteste vor allem der armen Bevölkerung anheizt. Ein Teufelskreis, der die Stabilität in ganz Afrika gefährdet, warnt Elissa Jobson, Regionaldirektorin der International Crisis Group. "Es mangelt an Vertrauen in die Regierungen, vor allem in Ländern, die unter den Folgen eines Bürgerkriegs oder laufenden Konflikten leiden. Warnungen und Maßnahmen der Regierung werden dann nicht befolgt, eben weil man ihr nicht traut."

Dschihadisten im Aufwind

Wegen der Ausgangssperren wissen schon jetzt Millionen Tagelöhner nicht mehr, wovon sie leben sollen. Dabei hat die Corona-Pandemie in Afrika noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Sollten die Infektionen weiter zunehmen und das von Missmanagement und Korruption gebeutelte Gesundheitssystem kollabieren, drohten Aufstände bis hin zu Umstürzen, befürchtet Jobson. Profitieren würden davon vor allem diejenigen, die den Staat zu Fall bringen wollen. Es bestehe das Risiko, dass Dschihadisten oder andere bewaffnete Gruppen ihre Angriffe ausweiten. "Diese Gruppen nutzen das Chaos, und die Gefahr ist groß, dass Armee und Polizei in Zeiten wachsender Unruhen in den ohnehin unregierten Räumen, wo Terroristen agieren, noch weniger präsent sind als sonst."

Immer mehr Anschläge

In den vergangenen Wochen hat die Zahl der Terroranschläge in Afrika deutlich zugenommen. Ende März überfielen Islamisten einen Armeestützpunkt im Tschad und töteten 92 Soldaten. Es war der erste Terrorangriff in dem zentralafrikanischen Land seit fünf Jahren. Im Nordosten Nigerias überfiel ein Boko-Haram-Kommando einen Konvoi der nigerianischen Armee, erbeutete schwere Waffen und tötete 70 Soldaten. Verschärft wird die Lage durch den Kampf zwischen Terrorgruppen, die sich zum Teil Al-Qaida, zum Teil dem sogenannten Islamischen Staat zugehörig fühlen. Doch im Zweifel werden beide Seiten sich gegen den Staat wenden, ist sich Jean-Paul Rouiller sicher, Terrorexperte am Genfer Zentrum für Sicherheitspolitik. Früher oder später würden die Sicherheitskräfte in allen afrikanischen Staaten auf die eine oder andere Weise von Corona betroffen sein. Das bedeute für die Terroristen eine riesige Chance.

UN-Soldaten unter Druck

Sudan © dpa Foto:  Stuart Price
UN-Truppen im Südsudan. Sie geraten zunehmend unter Druck.

In Mali nutzen bewaffnete Gruppen diese Chance bereits. Seit März haben die Vereinten Nationen allein in der Region um die Stadt Mopti dreizehn Attentate gezählt – mit mindestens 55 zivilen Opfern. Wichtigster Stabilitätsfaktor im Land sind die ausländischen Truppen, unter ihnen Soldaten der UN-Mission MINUSMA. Doch auch die Blauhelme operieren unter erschwerten Bedingungen, wie Einsatzleiter Mahamat Saleh Annadif Anfang April dem UN-Sicherheitsrat mitteilte. Die Rotation uniformierter Einheiten sei wegen der Pandemie bis Ende Juni ausgesetzt. Es gebe Ausnahmen, bei denen dann natürlich Quarantäne-Regeln und andere Vorbeugemaßnahmen eingehalten werden müssten.

EU-Ausbildung in Mali eingestellt

Wegen der Rotationssperre sind manche UN-Blauhelmmissionen, etwa die im Südsudan, bereits unterbesetzt. Zwar hat die EU versichert, bis Ende Juni keine Blauhelme abzuziehen – das betrifft auch die Bundeswehr mit ihren bis zu 1.100 Soldaten allein in Mali. Dennoch sind die Auswirkungen spürbar. DieEU-Trainingsmission in Mali mit 150 Bundeswehr-Angehörigen hat bereits ihre Ausbildungsaktivitäten vorläufig eingestellt. Und auch auf MINUSMA, von deren Unterstützung nicht zuletzt die regionale Anti-Terrorallianz G5-Sahel abhängig ist, wird sich die Corona-Krise auswirken, glaubt die Krisenexpertin Elissa Jobson. Sie befürchtet, dass die Soldaten nicht mehr motiviert sind, militärisch einzugreifen. Für Jobson ist unklar, ob Blauhelmeinsätze in vollem Umfang Wirkung entfalten können.

Stimmung gegen UN-Soldaten

Demonstranten Elfenbeinkueste © dpa Foto: n.n.
Der Unmut über die Corona-Krise könnte Aufständische in Konflikten stärken.

Zudem sind auch Blauhelme nicht immun gegen das Virus. In den Einheiten – auch in Mali – hat es bereits mehrere Infektionen gegeben. In sozialen Medien und der Bevölkerung generell mehren sich Vorwürfe, die Truppen hätten das Coronavirus überhaupt erst nach Afrika gebracht – bewusst oder unbewusst. Sollte die Stimmung gegen die Vereinten Nationen oder die französische Armee im Sahel weiter geschürt werden, so dass irgendwann ein Rückzug notwendig würde, hätte das fatale Folgen, meint der Genfer Terrorexporte Jean-Paul Rouiller. Wenn die französische Anti-Terror-Operation Barkhane oder MINUSMA zurückgefahren oder beendet werde, dann würden im Norden Malis Terroristen die Lücke füllen.

Keine Gespräche zwischen Regierung und Aufständischen

Stabilität und Frieden gefährdet die Corona-Krise schließlich auch dort, wo bewaffnete Gruppen und Regierungen bereits miteinander verhandeln. Meist vertrauliche und schwierige Gespräche, die Organisationen wie das Genfer Zentrum für humanitären Dialog vermitteln, können derzeit nicht fortgesetzt werden, erklärt der Afrika-Direktor der Organisation, Babatunde Afolabi. Denn die Mobilität sei stark eingeschränkt, man könne nicht reisen. Die Vereinten Nationen und Afrikanische Union und auch seine Organisation habe keinen Zugang mehr zu den Konfliktherden. "Wir können derzeit keine Verhandlungen ansetzen oder Konfliktparteien an die Tische bringen."

Feuerpause in einigen Regionen

Soldaten in Südafrika © dpa Foto: Jerome Delay
Südafrikanische Soldaten auf Patrouille. Das Vertrauen in die heimischen Sicherheitskräfte droht durch die Pandemie weiter zu schwinden.

Immerhin hat der Aufruf von UN-Generalsekretär António Guterres, weltweit die Waffen niederzulegen, einige Konflikte entschärft. Im Sudan etwa und in Kamerun wurden Feuerpausen vereinbart. Und in Nigeria, unter Afolabis Vermittlung. Doch wie lang die Waffen schweigen, weiß auch Afolabi nicht. Er befürchtet ebenfalls, dass das Coronavirus langfristig eher neue Konflikte in Afrika schüren wird als bestehende Auseinandersetzungen zu entschärfen.

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Die Füße und der Schatten eines Soldaten auf sandigem Gelände © fotolia Foto: Getmilitaryphotos

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Soldat salutiert vor deutscher Fahne © picture-alliance / dpa

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 02.05.2020 | 19:20 Uhr