Stand: 20.04.2020 15:00 Uhr

Corona-Drama um US-Flugzeugträger

Brett Croizer © dpa Foto: Nicholas Huynh
Captain Brett Crozier musste das Kommando über den Flugzeugträger abgeben.

Bei der US-Marine machte Brett Crozier eine steile militärische Karriere. Er absolvierte 1992 erfolgreich die Marine-Akademie, es folgte die Ausbildung zum Hubschrauber-Piloten, nach diversen anderen Stationen wurde Brett Crozier schließlich Kommandant des Flugzeugträgers "Theodore Roosevelt". Er war damit der Vorgesetzte von knapp 5.000 Besatzungsmitgliedern. Bis Anfang des Monats. Dann wurde er von Marine-Staatssekretär Thomas Modly seines Kommandos enthoben. Er habe das Vertrauen in den Offizier verloren, so Modly, der erst Ende November das Amt als Marine-Staatssekretär übernommen hatte. Der Grund für die Ablösung: Der Umgang mit dem Corona-Virus.

Corona-Fälle nach Vietnam-Besuch

Was war passiert? Der Flugzeugträger operierte im Pazifik, um vor allem gegenüber dem US-Rivalen China in der Region Präsenz zu zeigen. Im März wurde bei mehreren Besatzungsmitgliedern der “Theodore Roosevelt” Covid-19 diagnostiziert. Die Zahl der mit dem Corona-Virus infizierten Soldaten stieg im Laufe der Tage weiter. Sie hatten sich offenbar bei einem Landgang im vietnamesischen Hafen Da Nang angesteckt.

Unzureichende Reaktion der Marineführung?

Der Flugzeugträger lief schließlich den US-Stützpunkt Guam an. Acht Soldaten wurden zur Behandlung in das örtliche Marinehospital gebracht. Es gab immer mehr Corana-Fälle, die Zahl lag zuletzt bei mehr als 600. Aus Sicht des Kommandanten Brett Crozier reagierte die US-Marineführung viel zu langsam und unzureichend auf das Corona-Problem an Bord des Kriegsschiffes. Seine Vorgesetzten sahen das Problem zu diesem Zeitpunkt weniger dramatisch. Die Befürchtung war, durch zu weitreichende Gesundheitsmaßnahmen könne die ganze Mission des Trägers gefährdet werden.

Kommandant fordert Evakuierung

Speichelprobe auf dem Flugzeugträger "Theodore Roosevelt" © dpa Foto: Dartanon De La Garza
Corona-Test an Bord des Flugzeugträgers "Theodore Roosevelt".

Der Kommandant der „Theodore Roosevelt” schrieb schließlich einen Brandbrief und forderte unverzügliche Hilfsmaßnahmen. Das vierseitige Schreiben an die Führung der US-Navy ging auch an rund 20 andere Marine-Offiziere, die nicht unmittelbar zur Befehlskette gehörten. Wenig später berichtete derSan Francisco Chronicle über das Schreiben und den Appell des Flugzeugträger-Kommandanten. Die Öffentlichkeit erfuhr, dass die „Theodore Rossevelt” ein Problem hatte. In dem Brief wies Captain Crozier darauf hin, dass eine Isolation der Corana-Fälle an Bord schwer möglich sei. Er setzte sich für eine Evakuierung des Schiffes ein. Nur eine Rumpfcrew von etwa 500 Soldaten solle an Bord bleiben, so sein Plan. Es gebe dringenden Handlungsbedarf. „Wir führen keinen Krieg. Besatzungsmitglieder müssen nicht sterben. Wenn wir jetzt nicht handeln, kümmern wir uns nicht richtig um die uns anvertrauten Seeleute.“ Wenig später kündigte Marine-Staatssekretär Modly die Evakuierung des Flugzeugsträgers an.

Angst vor Trump-Intervention

Die Entscheidung erfolgte vor allem aufgrund des bekanntgewordenen Brandbriefes und des öffentlichen Drucks. Staatssekretär Modly kritisierte das Schreiben des Kommandaten, insbesondere, dass es öffentlich wurde. Brett Crozier habe die übliche Befehlskette missachtet und einen unnötigen Alarm ausgelöst, so der Vorwurf. Nach Rücksprache mit Verteidigungsminister Esper gab der Marine-Staatsserketär schließlich die Ablösung des Flugzeugträger-Kommandaten bekannt. Ein entscheidendes Motiv war dabei, dass er Donald Trump nicht das Gefühl geben wollte, der Präsident müsse eingreifen, weil die Navy-Führung zu einer schnellen Entscheidung unfähig sei. So erzählte es Modly jedenfalls einige Tage später. Der Marine-Staatssekretär ging davon aus, dass Trump unausgesprochen die Ablösung von Captein Crozier forderte. Denn der US-Präsident hatte dessen Vorgehen missbilligt.

Unmut bei der Flugzeugträger-Besatzung

Auf der “Theodore Roosevelt” sorgte die Ablösung des Kommandanten allerdings für großen Unmut. Als Brett Crozier den Flugzeugträger verließ, jubelte die Crew  ihrem geschassten Kommandanten zu. Ins Netz gestellte Videos mit Captain Crozier-Rufen wurden in den sozialen Medien tausendfach angeklickt. Die Besatzung feierte ihren gefeuerten Kommandanten -  zeigte damit, was sie von der Entscheidung im fernen Washington hielt. Eine Entscheidung, die zunächst auch US-Präsident Trump für angemessen hielt.

Naiver Kommandant?

Die Sympathie-Bekundungen der Flugzeugträger-Crew ärgerten Modly und veranlassten ihn, nach Guam zu fliegen, um der Besatzung seinen Entschluss zu erläutern. Die Ansprache wurde über Bordlautsprecher übertragen. Der Marine-Staatssekretär bekräftige seine Vorwürfe und legte noch einmal nach. "Crozier müsste klar gewesen sein, dass dieser Brief in unserem Informationszeitalter in die Öffentlichkeit kommen würde. Andernfalls wäre er naiv oder zu dumm, um als Offizier so ein Schiff zu führen."

Navy-Staatssekretär unter Druck

Portrait Thomas Modly © dpa Foto: Alex Brandon
Marine-Staatssekretär Thomas Modly wollte es Trump recht machen, musste dann aber selbst seinen Rücktritt einreichen.

Die Vorwürfe gegen ihren gefeuerten Kommandanten kamen bei den versammelten Marine-Soldaten nicht gut an. Sie sorgten auch in Washington für Empörung. Mehrere Politiker forderten den Rücktritt des Marine-Staatssekretärs. Selbst Präsident Trump, der noch zuvor das Verhalten des Flugzeugträger-Kommandaten missbilligt hatte, bezeichnete Captain Crozier plötzlich als eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Außerdem ließ Trump durchblicken, dass er selbst den Fall regeln würde. Genau das aber wollte Thomas Modly eigentlich verhindern. Er entschuldigte sich schließlich, den gefeuerten Kommandanten als naiv und dumm bezeichnet zu haben. Wenig später reichte der Marine-Staatssekretär seinen Rücktritt ein.

Rückkehr als Kommandant denkbar

Ein Test ergab, dass auch der gefeuerte Captain Crozier sich mit dem Corana-Virus angesteckt hatte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er wieder auf seinen Posten zurückkehren darf. So ist jedenfalls die Einschätzung seines militärischen Vorgesetzten. Außerdem wird in einer Online-Petition seine Rückkehr auf den Flugzeugträger gefordert. Sie ist bisher von rund 400.000 Personen unterzeichnet worden.

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Die Füße und der Schatten eines Soldaten auf sandigem Gelände © fotolia Foto: Getmilitaryphotos

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 18.04.2020 | 19:20 Uhr