Stand: 21.05.2012 00:00 Uhr

Wie EHEC-Detektive die Sprossen überführten

von Kersten Mügge, NDR Info

Über Wochen hielt 2011 eine EHEC-Welle vor allem Norddeutschland in Atem. Bei dem EHEC-Ausbruch starben bundesweit 53 mit dem Darmkeim infizierte Menschen. Das Robert Koch-Institut registrierte insgesamt rund 4.000 Infektionen, darunter mehr als 800 Patienten mit der besonders schweren Verlaufsform HUS (Hämolytisch-Urämisches Syndrom).

Spurensuche in Niedersachsen

Das Saatgut von Bockshornklee-Sprossen © dpa-Bildfunk Foto: Holger Hollemann
Das Saatgut von Bockshornklee-Sprossen gilt heute als Träger des EHEC-Erregers, der die Epidemie vor einem Jahr auslöste.

Sonntag, der 5. Juni 2011: Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) macht in einer Pressekonferenz die erste wirklich heiße Spur zum EHEC-Erreger öffentlich: "Es gibt doch in den letzten Stunden sich deutlich verdichtende Indizien dafür, dass ein Gartenbaubetrieb im Landkreis Uelzen, der aus verschiedenen Staaten Saatgut für seine Produkte erhält und eine Vielzahl von Sprossensorten zieht, als Quelle der EHEC-Erkrankungen anzunehmen ist."Lieferketten waren die heiße Spur

Armin Weiser © NDR Foto: Kersten Mügge
Armin Weiser war im vergangenen Jahr Mitglied der sogenannten EHEC-Task-Force.

Die sich verdichtenden Indizien waren damals die Lieferketten: Viele EHEC-Erkrankte hatten Sprossen aus Bienenbüttel gegessen. Um das herauszufinden, hatten die EHEC-Ermittler in den Bundesländern und beim Bundesinstitut für Risikobewertung Lieferdaten von mehr als 91 Lebensmitteln gesammelt, vom Lollo-Rosso-Salat über Rosmarin bis hin zu Sprossen - und zwar chargengenau. "Das waren dann etwa 40 Excel-Tabellen, die hier zusammengelaufen sind, mit mehreren hundert Einträgen", erinnert sich Armin Weiser, der Mitglied der EHEC-Task-Force war.

"Wir sind vorher davon ausgegangen, dass wir bis zu fünf Schritte zurückverfolgen müssen, bis wir Schnittmengen finden. Da war vollkommen klar, wir müssen ganz fleißig sein und Daten erheben." Eine Schnittmenge wäre ein Produkt, das zwei Patienten gegessen hatten, die sonst keine Gemeinsamkeiten haben - solche Schnittmengen findet nur der Computer, sagt Weiser: "Für einen Menschen ist das unmöglich, das alles zu überblicken. Daher braucht man unbedingt eine Datenbank und Analysesoftware, die das macht, was der Mensch nicht machen kann und tausende Datensätze überblickt."

Die Suche nach Schnittmengen

So kam heraus: der Sprossenhof in Bienenbüttel spielte eine zentrale Rolle für die Ausbreitung von EHEC. Nur welche, das war zunächst unklar. Doch dann erkrankten auch in Frankreich Menschen an EHEC. "Fünf Minten später hatten wir das Ergebnis, das war ein großartiges Gefühl", sagt Armin Weiser. Die EHEC-Quelle war gefunden: Bockshornkleesamen aus Ägypten. Kranke in Deutschland und in Frankreich hatten die Sprossen aus Samenkörnern gegessen.

Epidemie aufgeklärt ohne Bakterien-Beweis

Heidi Wichmann-Schauer © NDR Foto: Kersten Mügge
Heidi Wichmann-Schauer ist Abteilungsleiterin im Bundesinstitut für Risikobewertung.

Auch wenn der Erreger auf keinem Samenkorn je gefunden wurde, war der EHEC-Ausbruch damit aufgeklärt, sagt die Abteilungsleiterin im Bundesinstitut für Risikobewertung, Heidi Wichmann-Schauer. "Diese erfolgreiche Aufklärung ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir diese Auswertung der Lieferbeziehungen brauchen, insbesondere, wenn sich der Erreger nicht in den Lebensmitteln nachweisen lässt und so war es ja hier der Fall."

Und somit steht für die Behörden fest, es war eine 15-Tonnen-Charge Bockshornkleesamen aus Ägypten, von denen 75 Kilogramm in Bienenbüttel verarbeitet wurden, die für den größten EHEC-Ausbruch in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ausgelöst hat.

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NDR Info | 21.05.2012 | 06:00 Uhr

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