Stand: 11.06.2014 18:00 Uhr

Mobbing mit Nazi-Gerüchten: Firma wehrt sich

Von Stefan Schölermann, NDR Info

Bild vergrößern
Rolf-Oliver Hertling wehrt sich gegen die Nazi-Vorwürfe.

Die Nachricht erreicht den Halstenbeker Unternehmer Rolf-Oliver Hertling Anfang März im Österreich-Urlaub: Am Telefon ist ein hörbar aufgeregter Mitarbeiter: "In unserer Firma arbeiten Neonazis!" Für den 50-Jährigen ist das eine Horrorbotschaft: "Du siehst plötzlich dein Lebenswerk und das der Familie in Gefahr." Er betreibt in Halstenbek unmittelbar vor den Hamburger Stadttoren eine Möbelspedition. Hertling ist ein Familienbetrieb mit langer Tradition. 1865 gegründet, zählt der Betrieb heute über 100 Mitarbeiter. Das Unternehmen gehört zu den großen der Branche - auch im internationalen Geschäft. "Wir beschäftigen Menschen aus vielen Nationen mit unterschiedlichen Religionen. Menschen mit rechtsextremer Gesinnung im Betrieb - das ist für uns rein menschlich und als Unternehmen vollkommen untragbar", betont der Firmenchef.

"Keine Ruhe für Nazis am Arbeitsplatz"

Doch die Information ist zutreffend: Die Halstenbeker Firma steht seit dem 3. März 2014 im Internet am Pranger. Auf einer linken Internetseite ist beschrieben, dass insgesamt fünf Angehörige aus der rechtsextremen Szene Norddeutschlands in der Spedition arbeiten. In sozialen Netzwerken hätten sie mit ihrem Arbeitgeber geprahlt. Einige hätten neben dem Firmenlogo rassistische Sprüche gepostet. Fünf Namen werden auf der Seite genannt - einige von ihnen sind Szenekennern schon länger bekannt. Die linke Internetseite verfolgt ein klares Ziel: "Keine Ruhe für Nazis am Arbeitsplatz" lautet der selbstgefällige Slogan der Initiative, die Unternehmen an den Pranger stellt, wenn sie Rechtsextremisten in der Belegschaft ausgemacht hat - ohne Rücksicht darauf, ob die betreffende Firma davon informiert ist.

Verträge der betroffenen Mitarbeiter sofort gekündigt

Rolf-Oliver Hertling zumindest hat nichts davon gewusst. "Hier sind mehr als 100 Mitarbeiter unterwegs, wie soll man da jeden einzelnen kennen?", fragt der 50-Jährige. Dennoch handelt er sofort: Vier der Rechtsextremisten stehen zum Glück nicht unmittelbar bei der Spedition auf der Lohnliste, sondern sind bei einem Subunternehmer beschäftigt. Der Vertrag wird sofort aufgelöst. Der einzige Hertling-Beschäftigte wird beurlaubt, erhält eine fristgemäße Kündigung und eine Abfindung, für die das Unternehmen tief in die Tasche greift. "Es ist für mich nicht hinnehmbar, dass wir mit solchen Menschen in Verbindung gebracht werden. Ich habe deshalb keine Kosten und Mühen gescheut, um von dieser Pest befreit zu werden", sagt Hertling.

Kunden bekommen anonyme Briefe

Doch ausgestanden ist die Angelegenheit damit für den Unternehmer noch lange nicht. Im Gegenteil. Das Nachspiel ist weitaus schlimmer. Kurze Zeit später erhält Hertling besorgte Anrufe langjähriger Kunden: Sie alle hatten einen anonymen "Brief an die Geschäftsleitung" erhalten. Der Inhalt: Ein Ausdruck der verunglimpfenden Internetseite. Auch dem NDR liegt ein solches Schreiben vor. Es ist der offenkundige Versuch, das Unternehmen in Misskredit zu bringen - als Brötchengeber überzeugter Neonazis.

Kommentar

Zivilcourage von Hertling verdient Respekt

Die Spedition Hertling wird als Nazi-Arbeitgeber angeprangert - wehrt sich aber gegen das Mobbing. Ein Kommentar von Stefan Schölermann. mehr

Steckt ein Mitbewerber hinter dem Firmen-Mobbing?

Die Internetinitiative kommt als Urheber nicht infrage - diese Kreise könnten nicht einmal das notwendige Porto aufbringen, denn die Halstenbeker Firma hat einen langen Kundenstamm. Es steckt offenkundig ein Mitbewerber dahinter - nur so ist zu erklären, dass bei ausnahmslos allen Geschäftspartnern ein solches Pamphlet im Briefkasten landet. "Man kennt sich in der Branche", sagt Hertling.

Wieder gerät die Firma in Zugzwang: "Wir haben uns zu vollständiger Transparenz entschlossen und alle Kunden im persönlichen Gespräch über den Vorgang informiert", sagt der Chef. Und mehr noch: Er erstellt einen Dokumentensatz, in dem schriftlich jedes Detail der Angelegenheit erläutert wird. Und dann gibt es - wenn man so will - einen Schwur: Per Eidesstattlicher Versicherung erklärt Hertling, dass keiner der Rechtsextremisten mehr in der Firma beschäftigt wird - ein Vorgang, den es so noch nicht gegeben hat.

Absender der Briefe macht Fehler

Das Verhalten des mutmaßlichen Konkurrenten sieht Hertling mehr als kritisch: "So etwas ist mit den Grundsätzen eines ehrbaren Kaufmanns nicht zu vereinbaren." Mittlerweile kann er auch Ross und Reiter nennen, denn der Absender der Briefe hat einen Fehler gemacht. In einem Fall hat er seine Post per E-Mail verbreitet und kann damit zurückverfolgt werden. Den Namen aber will Hertling nicht preisgeben: "Wir werden nicht mit den gleichen Waffen zurückschlagen.“

Ihm persönlich sei die Angelegenheit sehr nahe gegangen, bekennt der 50-Jährige - auch wirtschaftlich habe einiges auf dem Spiel gestanden: "Der Kundenstamm und die Mitarbeiter sind das Rückgrat eines Betriebes." Für ihn auch ein Grund, diese Angelegenheit mit Offenheit und Rückgrat anzugehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 11.06.2014 | 18:00 Uhr