Stand: 02.06.2020 11:09 Uhr

Album der Woche: The Mother Stone

The Mother Stone
von Caleb Landry Jones
Vorgestellt von Ralf Dorschel, NDR Info Nachtclub & Nightlounge
Bild vergrößern
"The Mother Stone" ist beeinflusst von den Soloprojekten von Syd Barrett und dem Weißen Album der Beatles.

Es muss für Caleb Landry Jones ein Befreiungsschlag gewesen sein - Schleusen, die sich öffnen: In knapp 70 Minuten verdichtet der junge Songwriter und Hollywood-Aufsteiger wahnwitzige und oft überlange Songs - verschlungen, verwirrend und verstörend. Sein Debüt "The Mother Stone" dürfte eins der seltsamsten Alben in dieser seltsamen Zeit sein: überspannt, hysterisch gar. Halbseiden, glamourös und in seiner manischen Dichte manchmal kaum zu ertragen. 15 Stücke hat Jones aufgenommen - mit Donner und Getöse, mit Orchester und einem Sammelsurium verkratzter alter Instrumente aus dem privaten Fundus. Und hat sich dann fürs Cover als Drag Queen mit Anleihen bei Marie Antoinette inszeniert.

Jim Jarmusch knüpfte den Kontakt zu Sacred Bones

Doch der Reihe nach: Aufgewachsen ist Caleb Landry Jones in einer Familie voller Songwriter und Musiker. Schon als Kid begann der Texaner, selbst Lieder zu schreiben und aufzunehmen. Im Hinterkopf stets ein grandioser Höhenflug aus der fernen Vergangenheit: das "White Album" der Beatles. Doch mit 18 zog Jones dann nach Hollywood - spielte erst kleine Rollen in Filmen wie "No Country for Old Men", später wuchs seine Leinwand-Präsenz in "Stonewall", "Contraband", "Antiviral" - und in 2019 folgten dann gleich zwei wichtige Streifen: "The Kindness of Strangers" und Jim Jarmuschs Horrorkomödie "The Dead Don't Die". Wichtige Streifen auch für dieses seltsame, wirre, grandiose Album. Denn die Gage aus "The Kindness of Strangers" gab dem heute 30-Jährigen die Chance, sein Debüt aufzunehmen - ohne kommerzielle Kompromisse. Und der Kontakt zu Jim Jarmusch verschaffte Jones einen Vertrag beim New Yorker Avantgarde-Label Sacred Bones (Marissa Nadler, Jenny Hvar, aber auch neuere musikalische Ausflüge Jarmuschs und seines Kollegen John Carpenter). Und dort ließ sich dieses Debüt durchziehen - ohne künstlerische Kompromisse.

Zur ersten Begegnung mit Jarmusch brachte Jones ein Stück mit, dass er dem Regisseur gewidmet hatte und ihm vorspielen wollte – es mangels eines Klaviers im Raum aber nicht vorspielen konnte. Jetzt dient "Flag Day" als Ouvertüre zu "The Mother Stone" - tosend, turbulent und bombastisch und damit das perfekte Intro für dieses bizarre Glam-Großwerk. Das sich am Besten ausmalt, wer sich Syd Barrett in Strapsen im abgerockten Nachtclub vorstellen mag - der einstige Pink Floyd-Kopf ist neben den Beatles die zweite große Inspiration von Caleb Landry Jones. "Schreiben ist für mich eine gute Möglichkeit einer Heilung" sagt der Pop-Debütant und betont, dass das meiste auf "The Mother Stone" in Träumen stattfindet. Und versteckt sich dann hinter diesen Songs und ihren Rollenspielen: "Ich spreche mehr über Träume als über Dinge, die passieren im Reich der Wirklichkeit. Oder ich spreche über beides und Du bist nie sicher, was denn nun was ist." 700 Songs hat Caleb Landry Jones fertig aufgenommen aus seinen Jugend-Tagen in Texas voller kreativem Größenwahn. 15 hören wir jetzt auf seinem Debüt und das ist wüst, wild und groß - aber ganz sicher keine leichte Kost, trotz pop-tauglicher Momente wie "Katya". Weird-Pop von einem jungen Kreativen, der es sich nicht leicht macht. Und uns auch nicht.

Weitere Alben der Woche

Album der Woche: Beyond the Pale

13.07.2020 23:05 Uhr

Jarv Is, die neue Band von Jarvis Cocker, wurde eigentlich nur für ein Festival gegründet. Ursprünglich eine reine Liveband, haben sie nun ihr erstes Album veröffentlicht. mehr

Album der Woche: Half Light

06.07.2020 23:05 Uhr

Henry Green schrieb "Half Light" in einem kleinen Dorf in Wiltshire. Trotz einer Schreibblockade zu Beginn der Arbeit daran ist ein elegantes und fragiles Album entstanden. mehr

Album der Woche: Half Price At 3:30

29.06.2020 23:05 Uhr

Luke Temple hat unter dem Alter Ego Art Feynman ein neues Album herausgebracht. Auf "Half Price At 3:30" macht er Art-Pop und findet das bizarre im Banalen. mehr

The Mother Stone

Label:
Sacred Bones
Veröffentlichungsdatum:
01.06.2020
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 02.06.2020 | 23:05 Uhr