Stand: 26.01.2020 00:00 Uhr

Von der Infantilisierung in der Politik

Die Klimadebatte wird vor allem von jungen Leuten mit großer Leidenschaft geführt. Das wurde auch beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos deutlich, unter anderem beim Auftritt von Greta Thunberg. Kann man also von einer Infantilisierung der Politik sprechen? Gerade auch, wenn man sich den Auftritt von US-Präsident Donald Trump ebenfalls in Davos anschaut?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Christoph Schwennicke, Chefredakteur "Cicero"

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"Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke meint, dass es die Aufgabe der Politik sein müsse, dem heißen Herzen der Jugend einen kühlen Verstand entgegenzusetzen.

Es gab eine Zeit, da kamen die Kinder einmal im Jahr ins Zentrum der Macht. Die Bundeskanzlerin und all ihre Vorgänger empfingen die Sternsinger im Kanzleramt und fanden für die jungen Besucher freundliche Worte. Es gab eine Zeit, in der Politiker Kindern gesagt haben, was ihrer Meinung nach diesem oder jenem kindlichem Wunsch im Wege steht. Wie im Frühsommer 2015, als Angela Merkel in Rostock einem weinenden palästinensischen Mädchen etwas linkisch, aber dennoch mit Empathie die Grenzen deutscher Flüchtlingspolitik erklärte.

Die Jugend gibt den Ton an

Inzwischen geben die jungen Leute den Ton an. Und die Politik hört mit eingezogenem Kopf zu. Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg schmetterte im vorigen Jahr den Vereinten Nationen in New York, dem Parlament der Regierungen aller Welt, mit wutverzerrtem Gesicht ein "How dare you?" entgegen. Die deutsche Galionsfigur der Fridays-for-Future-Bewegung, die 23 Jahre alte Luisa Neubauer, lässt den Siemens-Chef Joe Kaeser mit dessen absurdem Angebot auflaufen, in den Aufsichtsrat des Weltunternehmens aufgenommen zu werden. Und es ist nicht so lange her, dass ein blauhaariger Blogger namens Rezo mit einem Youtube-Video die CDU das Fürchten gelehrt hat.

Trump: Gebaren eines trotzigen Kleinkindes

Zugleich werden die Vereinigten Staaten von Amerika von einem Präsidenten regiert, der über Twitter komplexe Sachverhalte mit Zwei-Wort-Sätzen kommentiert: "So bad!", "so sad!" - und in seinem ganzen Gebaren an ein trotziges Kleinkind an der Quengeltheke erinnert. Ohne jegliche Resilienz oder Selbstbeherrschung. Seine Bilder mit verschränkten Armen vor dem Bauch erinnern an Pepe, den spanischen Lausejungen, den die Comicfiguren Asterix und Obelix in einem Band zu hüten haben, und der bei jeder Gelegenheit mit ausgestellten Armen die Luft anhält, um seinen Willen durchzusetzen.   

Kindisches Verhalten in Davos

In Davos beim Weltwirtschaftsforum trafen Greta Thunberg und Donald Trump aufeinander. Besser gesagt, sie hielten unabhängig voneinander die beiden meist beachteten Reden. Kindisch waren sie beide abermals. Thunberg, als sie forderte, dass sofort jeder Handel, des Geschäft mit fossilen Brennstoffen einzustellen sei. Demnach hätten die Wirtschaftsbosse ihre Privatjets auf dem Flughafen Klosters nach ihrer Rede unaufgetankt stehen lassen müssen.

Trump präsentierte sich kindisch, als er in peinlicher Manier die Großartigkeit der USA und ihren wirtschaftlichen Wiederaufstieg pries und keinen Zweifel daran ließ, wem es zu verdanken sei, dass "America great again" sei.

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Ein Schnapp-Reflex aus dem Rückenmark

Schließlich hat sich auch Robert Habeck, der deutsche Grünen-Vorsitzende in den Schweizer Bergen an diesem intellektuellen Unterbietungswettbewerb beteiligt, indem er Trumps Rede in einem Schnapp-Reflex ebenso grobschlächtig und plump kommentierte, wie diese selbst war. Ein Schnapp-Reflex, der mehr aus dem Rückenmark als aus dem Kopf kam.

Den Emotionen freien Lauf lassen: Vielleicht hat diese Infantilisierung der Politik mit einer grassierenden politischen Gefühligkeit zu tun. Mit einem Triumph der guten Gesinnung über die Urteilskraft. Mit dem Sieg des Reflexes über die Reflexion. "Das Herz bäumt sich schneller auf als der Verstand", schreibt Oscar Wilde in seinem berühmten Aufsatz über den "Sozialismus und die Seele des Menschen". Und die Liebe für die Leidenden, in dem Fall: die ganze Welt in Zeiten des Klimawandels, sei "bequemer als die Liebe zum Nachdenken".

Ein kühler Verstand ist gefragt

Kinder und Heranwachsende dürfen ein heißes Herz haben und es jederzeit ausschütten, dabei über jedes Ziel hinausschießen. Unsereins stand als junger Mensch auch in der Menschenkette gegen die Stationierung der Pershing-2-Mittelstrecken-Raketen im Zuge des NATO-Doppelbeschlusses. Und ist heute froh, dass das damalige Kanzler nicht von ihrer richtigen Entscheidung gegen unsere Revolte abgebracht hat.

Denn Aufgabe der Politik muss die Anstrengung bleiben, dem heißen Herzen einen kühlen Verstand entgegenzusetzen. Sich im Sinne Oscar Wildes nicht zu bequem zu sein für die Liebe zum Nachdenken, zum Abwägen und ganz wichtig: entscheiden! Alles andere ist verantwortungslos, wohlfeil, anbiedernd. Und lächerlich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 26.01.2020 | 09:25 Uhr