Stand: 12.10.2020 17:06 Uhr

Pro und Kontra: Sind Beherbergungsverbote sinnvoll?

Sollen Menschen aus einem Gebiet mit Inzidenzraten über 50 ein Hotelzimmer in Deutschland mieten können? Ein Pro und Kontra zum Beherbergungsverbot.

Pro: Der Ernstfall ist da

von Alfred Schmit

Sage keiner, ich wollte nur anderen Menschen die Herbstferien vermiesen: Ich arbeite und wohne ja selbst in zwei Berliner Bezirken mit Inzidenz-Raten deutlich über 50. Und doch finde ich: Ja, das Beherbergungsverbot ist richtig. Zugegeben: Da ist einiges schief gegangen. Die Regeln sind uneinheitlich und verwirrend. Und nicht alle Länder machen mit. Aber deswegen das Ganze gleich wieder abblasen: Was für ein Armutszeugnis. Man sollte es halt richtig machen. Einheitlich und mit klaren Spielregeln. Denn eigentlich ist es doch nur logisch. Wer in einer Superspreader-Stadt wohnt, sollte nicht noch zum Spaß in der Republik herumfahren, und seine Virenlast gleichmäßig auf der Landkarte verteilen.

Ein Portait von Alfred Schmit. © ARD Foto
Alfred Schmit ist Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin.

Im Sommer, als die großen Lockerungsübungen angesagt waren, fanden es alle prima, dass Beschränkungen nur regional greifen sollten. Also nur für Regionen mit Ansteckungsraten über 50 pro 100.000 in einer Woche. Da dachten wohl alle: "Kann uns doch nicht passieren. Und die anderen sollen sich dann halt einschränken." Jetzt aber ist der Ernstfall da - und niemand darf sich wegducken. Der 50er-Grenzwert war für uns alle der Freifahrtschein in einen Sommer der Lockerungen. Nun müssen wir auch die Kehrseite akzeptieren.

Kontra: Das Reisen ist nicht das Problem

von Andreas Reuter

Das Beherbergungsverbot ist Unsinn. Es bestraft zum Beispiel alle, die sich bislang richtig verhalten haben, aber nun ihre Herbsturlaube stornieren sollen. Wenn sie denn im Risikogebiet wohnen und irgendwo urlauben wollen, wo das Verbot gilt. Die medizinischen und rechtlichen Argumente gegen das Verbot sind stark: Bei der Ausbreitung des Virus spielen innerdeutsche Hotel-Übernachtungen bislang keine Rolle, sagen Experten. Und das leuchtet auch ein. Die neuen Problemfelder sind doch offenbar private und öffentliche Feiern, und generell Zusammenkünfte vieler Menschen in geschlossenen Räumen. Das Beherbergungsverbot kann da nichts bringen und wirkt wie der verzweifelte Versuch, die Leute am Reisen zu hindern.

Der Hörfunkkorrespondent Andreas Reuter © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Reiner Freese
Andreas Reuter ist Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin.

Doch das Reisen ist nicht das Problem, es sind menschliche Kontakte ohne Abstand und Hygiene. Juristisch wird es auch noch knifflig: Wie sollen Hoteliers einen Negativ-Test belegen, außer wenn sie Kopien machen, und dann stellt sich die Frage: Dürfen sie das? Stichwort Datenschutz. Ein Beherbergungsverbot ist auch grundgesetzlich heikel, weil die Verhältnismäßigkeit dafür gewahrt sein müsste. Da sind Zweifel angebracht. Kurz gesagt: Die Regel sollte gekippt werden. Sie schadet dem Hotelgewerbe, sie macht schlechte Stimmung unter den Menschen. Sie ist rechtlich fragwürdig und medizinisch unnütz. Also besser schnell wieder weg damit.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 12.10.2020 | 17:08 Uhr