Mit Latexhandschuhen bezogene Hände ziehen AstraZeneca Impfstoff mit einer Spritze aus einer Ampulle. © dpa-Bildfunk Foto: Matthias Bein

Pro und Kontra: War der Impfstopp für AstraZeneca richtig?

Stand: 16.03.2021 14:44 Uhr

Das vorläufige Aussetzen der Impfungen mit dem Corona-Vakzin des Herstellers AstraZeneca - wegen möglicher Risiken und Nebenwirkungen - hat viel Kritik und eine Debatte darüber ausgelöst. Die Weltgesundheitsorganisation und die Europäische Arzneimittelbehörde beraten. War der Stopp richtig - oder verursacht er weitere Schäden? Ein Pro und Kontra aus dem ARD-Hauptstadtstudio.

Pro: Bestehende Zweifel können ausgeräumt werden

von Martin Ganslmeier

ARD Korrespondent Martin Ganslmeier. © ARD Studio Washington
Der Impfstopp und die Prüfung des Vakzins können für mehr Vertrauen sorgen, meint Martin Ganslmeier.

Eigentlich hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Stellen Sie sich vor, Spahn hätte die Empfehlung der Impf-Wissenschaftler im Paul-Ehrlich-Institut ignoriert und gesagt: "Wir impfen weiter!" Wenn dann in den nächsten Tagen weitere AstraZeneca-Geimpfte als Folge einer Thrombose sterben sollten, dann würde doch ein Sturm der Empörung auf Spahn niederprasseln. Der Minister wäre wahrscheinlich sein Amt los, weil er sich aus politischen Gründen über die Empfehlung seiner zuständigen Impf-Behörde hinweggesetzt hätte.

Ja, bislang ist völlig offen, ob überhaupt ein Zusammenhang zwischen AstraZeneca und Thrombose besteht. Aber gerade weil das unklar ist, haben immer mehr Länder in Europa das Impfen mit AstraZeneca ausgesetzt - um noch mal genauer zu prüfen und um dann hoffentlich zügig und einmütig zu entscheiden, wie es weitergeht. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA will noch in dieser Woche eine Bewertung vorlegen.

So ärgerlich der Impfstopp gerade in der jetzigen Phase ist - er ist richtig, um bestehende Zweifel auszuräumen. Und er bietet auch eine Chance: Wenn anschließend alle europäischen Länder wieder guten Gewissens AstraZeneca impfen können, ist dies für das Vertrauen in den Impfstoff allemal besser als das Durcheinander jetzt. Schlimmer wäre ein dauerhafter Flickenteppich aus Ländern, die weiter AstraZeneca impfen, und anderen Ländern, die aussetzen.

Kontra: Prüfen und weiter impfen wäre sinnvoller gewesen

von Kai Küstner

Kai Küstner, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Jens Jeske
Der Imageschaden dürfte kaum wieder zu reparieren sein, meint Kai Küstner.

Nun liegt der AstraZeneca-Wirkstoff also im Wortsinn auf Eis. Und bleibt vorerst ungenutzt in den Kühlschränken. Selbst wenn damit über das Schicksal des Impfstoffs das letzte Wort noch nicht gesprochen ist: Ob sich die Deutschen je wieder für AstraZeneca werden erwärmen können, ist fraglich. Denn das ist eine der unerfreulichsten Nebenwirkungen der Entscheidung von Gesundheitsminister Jens Spahn: Er beschert dem Anti-Corona-Wirkstoff vorauseilend einen Imageschaden, der kaum wieder zu reparieren sein dürfte.

Gleichzeitig bedeutet das jäh aufgestellte AstraZeneca-Stoppschild, dass die ja ohnehin im Zeitlupentempo verlaufende Impfkampagne nun durch ein weiteres Bremsmanöver noch einmal erheblich verlangsamt wird. Zehntausende Menschen hätten heute, morgen, hätten täglich mit AstraZeneca geimpft werden sollen. Zehntausende Menschen werden diesen - möglicherweise lebensrettenden - Impfschutz zunächst nicht erhalten.

Übrigens: Die Europäische Arzneimittelagentur EMA - die für die Zulassung in Europa zuständig ist - steht bisher auch weiterhin zu ihrer Einschätzung, dass der AstraZeneca-Nutzen das AstraZeneca-Risiko aufwiegt.

Ja, es ist natürlich richtig, zu prüfen, ob der Impfstoff wirklich in seltenen Einzelfällen für gefährliche Nebenwirkungen verantwortlich ist. Noch richtiger allerdings wäre es gewesen, zu prüfen und parallel weiter zu impfen. So aber drosselt die Bundesregierung das Impftempo, erhöht aber womöglich die Zahl der Impfskeptiker im Land. Auch das sind gefährliche Nebenwirkungen.

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NDR Info | Kommentar | 16.03.2021 | 17:08 Uhr