Stühle stehen mit Abstand zueinander in der Marktkirche. In der Kirche sollen am Heiligabend Gottesdienste mit bis zu 190 Gläubigen stattfinden. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Pro und Kontra: Gottesdienste an Weihnachten absagen?

Stand: 23.12.2020 14:51 Uhr

Die Corona-Zahlen bleiben hoch. Experten raten dringend, Kontakte auch an Weihnachten weitestgehend zu reduzieren. Nun stellt sich die Frage: Sollte es den Gemeinden selber überlassen werden, über die Gottesdienste zu entscheiden?

Pro: Gottesdienstbesuch ist Impfstoff für die Seele

von Florian Breitmeier

Es muss nicht alles von oben nach unten entschieden werden. Die evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümer haben es den Gemeinden deshalb freigestellt, ob sie Präsenz-Gottesdienste anbieten oder nicht. Richtig so! Vor Ort weiß man am besten, was geht oder wegen hoher Inzidenzahlen besser unterbleiben sollte. Aber eine pauschale Absage von Weihnachtsgottesdiensten, das wäre das völlig falsche Signal in dieser Krisenzeit!

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier ist gegen eine Absage von Gottesdiensten

Gerade jetzt wünschen sich viele Menschen Trost, Hoffnung und Zuspruch - auch das Gefühl von Gemeinschaft für eine begrenzte Zeit an einem Ort. Ein Gottesdienstbesuch als Impfstoff für die Seele. Mal angenommen: Die alleinstehende Frau, die die eigene Wohnung kaum mehr verlässt, darf an Weihnachten nicht in die Kirche gehen - aber eine weihnachtliche Familienfeier mit Mitgliedern aus mehreren Haushalten unter dem Weihnachtsbaum, das soll möglich sein? Ein schiefes Bild, schief - wie so mancher Weihnachtsbaum im Wohnzimmer.

Die Kirchen haben viel investiert in ausgefeilte Hygienekonzepte. Es gibt klare Abstandsregeln, keinen Gemeindegesang. Viele Feiern finden auch draußen statt. Seit Monaten sind die religiösen Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen und Synagogen hierzulande nicht zu Supespreader-Ereignissen geworden.  Die Nationale Akademie der Wissenschaften "Leopoldina" gab deshalb grünes Licht, sah keinen Grund für ein generelles Verbot religiöser Feiern.

Es geht nicht um Extrawürste für die Kirchen, auch nicht direkt um das Grundrecht auf Religionsfreiheit, sondern um eine spirituelle Kraftquelle in sehr schweren Zeiten für diejenigen, die es brauchen. Niemand wird zum Gottesdienstbesuch gezwungen. Aber er soll grundsätzlich möglich sein. Gerade jetzt!

Kontra: Gefahr für ältere Menschen viel zu hoch

von Verena Gonsch

Es ist höchste Zeit, die Präsenz-Gottesdienste an Weihnachten abzusagen! Dafür gibt es viele gute Argumente. Das wichtigste: Die Gefahr, dass sich vor allem ältere Menschen bei diesen Gottesdiensten infizieren, ist viel zu hoch. Sie gehören traditionell zu den Gläubigen, für die der Besuch der Christmesse ein absolutes Muss ist. Und sie übernehmen in diesen Tagen oftmals die ehrenamtlichen Aufgaben wie den Küsterdienst und das Einsammeln der Kollekte.

Sie treffen alle bei diesen Gottesdiensten auf Familien, die mit angereisten Kindern und Angehörigen zum Kirchgang starten. Für Intensivmediziner und Virologen der ideale Nährboden für neue Infektionen.

Verena Gonsch © NDR Foto: Christian Spielmann
Verena Gonsch meint, dass man Gottesdienste auch anders erleben kann.

Im Ernst: Wo gibt es das momentan noch, dass so viele Menschen, nur mit Mindestabstand in einem meist schlecht zu lüftenden Raum zusammensitzen? Auch wenn nicht gesungen wird. Auch wenn monatelang Hygienekonzepte ausgetüftelt wurden. Das ist alles ehrenhaft, schließt das Risiko aber beileibe nicht aus.

Dabei - und das ist die gute Nachricht - muss niemand auf den Gottesdienst verzichten. Es gibt viele digitale Angebote, außerdem Gottesdienste im Radio und im Fernsehen. Und es gibt in vielen Gemeinden die offene Kirche, bei der die Gläubigen ohne Gedränge in der Kirche verweilen, die Krippe besuchen und eine Kerze anzünden können. In so einer Situation reicht es nicht, die Verantwortung an die Gemeinden zu delegieren. Hier müssen die Kirchenoberen ein Machtwort sprechen. Denn das gilt für alle und alle in diesem Jahr: Gesundheit geht vor!

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NDR Info | Kommentar | 23.12.2020 | 17:08 Uhr