Stand: 25.01.2019 17:04 Uhr

Nie war die Welt unsicherer: Droht neues Wettrüsten?

Einer der weltweit wichtigsten Abrüstungsverträge steht vor dem Aus. Nach diesem Freitag sieht es für die Zukunft des INF-Vertrages düsterer aus als je zuvor. Bei einem Treffen des Nato-Russland-Rates in Brüssel warfen die USA und ihre Nato-Partner Russland erneut vor, das Abkommen mit neuen Marschflugkörpern zu verletzen. Russland antwortete mit Gegenvorwürfen. Diese beziehen sich unter anderem auf ein in Rumänien stationiertes Raketenabwehrsystem der USA, das sich aus russischer Sicht auch offensiv nutzen ließe.

von Holger Beckmann, ARD-Hauptstadtstudio

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Für Holger Beckmann war die Welt nie unsicherer als heute. Er fürchtet ein neues atomares Wettrüsten.

Ein neues atomares Wettrüsten in Europa ist wahrscheinlicher geworden. Und auch dass in Deutschland eines Tages neue Atomwaffen stationiert werden könnten, ist zumindest nicht mehr auszuschließen. Dabei klingt das doch alles, als käme es aus einer völlig anderen Zeit - oder: als wäre man zurück im Kalten Krieg. Natürlich: NATO-Generalsekretär Stoltenberg sagt, er wolle das nicht. Und ihm persönlich kann man das möglicherweise sogar glauben. Aber das ändert an der Sache nicht viel.

Beim Vertragsschluss war die Welt eine andere

Als der sogenannte INF-Vertrag 1987 nach mühsamen Verhandlungen zwischen der damaligen Sowjetunion und dem Westen unter Führung der USA ausgehandelt wurde, da war die Welt eine völlig andere. Das erschreckende Atomwaffenpotential war aufgeteilt zwischen Moskau und Washington und ihren jeweiligen Satelliten. Es gab da niemanden, der aus der Reihe tanzte und ernsthaft versucht hätte, selbst in den Besitz der Bombe zu kommen und so zu einer Bedrohung für die beiden Blöcke zu werden. Umgekehrt war der NATO und dem Warschauer Pakt die Lust am Wettrüsten langsam vergangen. Die Suche nach immer neuen Waffen und immer neuen Zerstörungspotenzialen verschlang unvorstellbare Geldsummen, drückte die Sowjetunion wirtschaftlich noch mehr zu Boden, und im Westen gingen Millionen Menschen auf die Straße, weil sie damit nicht mehr einverstanden waren.

Unberechenbare Staate und unberechenbare Anführer

Heute ist die Welt nicht mehr sortiert in Ost und West. Es gibt unberechenbare Staaten wie Nordkorea, Pakistan oder Iran, die schon Atomwaffen haben oder kurz davor sind und: Es gibt China. Wer wen bedroht, wird dabei unübersichtlich. Zu dieser Gemengelage kommen dann auch noch die mehr oder weniger unberechenbaren politische Anführer - und da darf und muss man ganz oben Donald Trump genau so nennen wie Wladimir Putin.

Nie war die Welt so unsicher

Nie war die Welt so unsicher wie heute. Das soll kein Plädoyer für ein neues Wettrüsten sein, im Gegenteil. Es soll beschreiben, was da im Moment passiert. Jeder versucht sich jetzt, neu zu positionieren, unangreifbar zu machen, abzusichern - und natürlich: bei einem möglichen neuen Wettrüsten vorne zu sein. Dieses Ansinnen hat man in Washington und in Moskau. Am Streit um den INF-Vertrag und die atomaren Mittelstrecken-Waffen wird es jetzt greifbar. Die USA haben Russland ein Ultimatum zum Einlenken gesetzt: bis zum 2. Februar. Unwahrscheinlich, dass Moskau sich davon beeindrucken lässt. Unwahrscheinlich auch, dass das neue Wettrüsten schon dann beginnt. Es wird weitere Gespräche geben, das hat NATO-Chef Stoltenberg heute schon signalisiert. Immerhin. Ein bisschen Hoffnung bleibt noch.

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Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

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NDR Info | Kommentar | 25.01.2019 | 17:08 Uhr