Annalena Baerbock (Grüne) spricht während einer Pressekonferenz. © picture alliance/dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld Foto: Kay Nietfeld

Kommentar zum Wahlkampf: Quacksalber oder Jungmedizinerin

Stand: 11.07.2021 12:18 Uhr

Der heiße Wahlkampf hat noch nicht begonnen, da sind die Chancen der Grünen auf das Kanzleramt bereits deutlich gesunken. Kurz war Annalena Baerbock als heißeste Kandidatin für das Amt der Kanzlerin gehandelt worden, aber das ist inzwischen schon wieder einige Wochen und damit sehr lange her.

Annalena Baerbock (Grüne) spricht während einer Pressekonferenz. © picture alliance/dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld Foto: Kay Nietfeld
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Ein Kommentar von Annette Bruhns, freie Autorin

Die Grünen proben die doppelte Revolution: Sie wollen an die Regierung mit dem Kampf gegen eine Gefahr, die für viele noch abstrakter ist als die Corona-Pandemie, nämlich die Erderwärmung. Und sie wollen diese Revolution mit einer Kandidatin gewinnen, der das Wahlvolk noch mehr misstraut als 2005 Angela Merkel, der ersten weiblichen Kanzlerkandidatin.

Das sind große Ambitionen. Offenbar zu große: Die Grünen können derzeitigen Umfragen zufolge in einer künftigen Regierung höchstens Mehrheitsbeschaffer werden. Es sei denn, der Klimawandel jagte dem Volk zuvor noch einen derartigen Schrecken ein, dass es die einzige Partei, die ihn ernsthaft aufhalten will, trotz seines Misstrauens mehrheitlich wählt.

Wer eine schwere Krankheit hat, braucht einen erfahrenen Arzt

Porträtbild der Journalistin Annette Bruhns. © Spiegel Foto:  Johannes Arlt
Annette Bruhns sieht in der Klimakrise viele Realitätsverweigerer in der Politik.

Und das Misstrauen kommt ja nicht von ungefähr: Annalena Baerbock hat bekanntermaßen noch nie eine Behörde geleitet, weder ein Ministerium noch eine Staatskanzlei. Ihr fehlt die Autorität der in den Mühen der Ebene gestählten Führungskraft. Ihr Glaubwürdigkeitsproblem beginnt dort. Dass Baerbock versucht hat, diesen Mangel durch einen aufgehübschten Lebenslauf und ein zusammengeschustertes Buch zu heilen, hat die Sache nur verschlimmert. Aber auch ohne diese Fauxpas wäre der Mangel spürbar.

Wer eine schwere Krankheit hat - und der Klimawandel ist eine solche, eine, deren Heilung schmerzhafte Eingriffe erfordert -, braucht einen erfahrenen Arzt. Eine Person, die Vertrauen ausstrahlt, die schon viele geheilt hat. Ob Robert Habeck diese Ausstrahlung hätte, ist zwar unklar. Doch war er immerhin mal Landesminister und stellvertretender Ministerpräsident. Das ist zwar weniger Erfahrung, als eine Angela Merkel als ehemalige Bundesministerin mitbrachte oder ein Helmut Kohl. Aber angesichts der schwierigen Eingriffe, die die Grünen vorhaben, wäre Habeck die klügere Wahl gewesen. Der erfahrenere Arzt, sozusagen.

"Heißa! Eine neue Verbotsdebatte!"

Der Klimawandel und seine verheerenden Folgen sind längst da. Und jetzt, im Wahlkampf, zeigt sich noch mal deutlich, dass keine Partei diese Bedrohung so ernst nimmt wie die Grünen. Als Fraktionschef Anton Hofreiter im Februar im "Spiegel" die Binse verkündete, dass Einfamilienhäuser "viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie" verbrauchen und "für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr" sorgen, konnten CDU und FDP ihr Glück kaum fassen.

Hofreiter sagte nicht, dass man Einfamilienhäuser deshalb verbieten solle, sondern nur, dass darüber die Kommunen entscheiden müssten. Aber das half nicht. Die Grünen wollen den Menschen ihr Eigenheim verbieten, tönten die politischen Kontrahenten. Heißa! Eine neue Verbotsdebatte! Mit der Tatsache, dass der viele Raum, den die Deutschen bewohnen und beheizen, deutlich mehr zum ökologischen Fußabdruck beiträgt als Urlaubsflüge oder Fleischverzehr, setzte sich niemand auseinander.

Mal im Ernst: Was nutzen uns, was nutzen unseren Kindern und Enkeln noch mehr Einfamilienhaussiedlungen? Brauchen wir nicht viel mehr die Natur, die wir ihnen opfern, die Wälder und Moore als Kohlendioxidspeicher?

Realitätsverweigerung auf breiter Front

Und das ist längst nicht das einzige Beispiel von Realitätsverweigerung auf breiter Front. Als Annalena Baerbock Ende Mai eine Benzinpreiserhöhung von 16 Cent anmahnte, reagierte das politische Establishment wie auf die Androhung einer Menschenrechtsverletzung. CSU-Frontmann Markus Blume geißelte Baerbocks "Kampf gegen die Autofahrer", SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz barmte: "Wer jetzt einfach immer weiter an der Spritpreisschraube dreht, der zeigt, wie egal ihm die Nöte der Bürgerinnen und Bürger sind." Selbst die Linke vergoss Krokodilstränen um eine künftig von den Grünen zur Kasse gebetene Auto-Nation.

Fakt ist: In Hamburg wuchs die Zahl der Autos zuletzt stärker als die Zahl der Einwohner. Meiner Meinung nach müsste der Benzinpreis sogar noch mehr steigen, als die Grünen fordern. Mit dem Aufpreis sollte der Staat den öffentlichen Nah- und Fernverkehr billiger machen. Das wäre auch sozial gerecht, denn es gibt durchaus Menschen, besonders junge, die sich weder ein Auto leisten können, noch eine Bus- oder Bahnfahrkarte. Mobilität aber bedeutet gesellschaftliche Teilhabe.

Neuer Tiefpunkt erreicht

Doch diese wichtigen Debatten werden nicht geführt. Ein neuer Tiefpunkt wurde jetzt erreicht, als der Kanzlerkandidat der Union das von den Grünen geforderte Tempolimit von 130 Stundenkilometern ablehnte. Ein Tempolimit sei "unlogisch", denn, so Laschets eigenwillige Logik: Elektroautos würden kein Kohlendioxid verursachen. Aha. Strom kommt in Nordrhein-Westfalen offenbar aus der Steckdose statt aus Kohlekraftwerken. Und wenn Armin Kanzler wird, bringt der Storch allen Familien einen Tesla.

Ja, man kann wütend werden ob so viel Quacksalberei angesichts einer ganz realen, höchst bedrohlichen Krise. Oder sich die Frage stellen, was besser ist: ein Kanzler, der Krebs mit Salbe behandelt, oder eine unerfahrene Ärztin, die nach Lehrbuch verfährt?

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 11.07.2021 | 09:25 Uhr