Stand: 14.01.2020 16:33 Uhr

Marine-Auftrag: Schlecht für norddeutsche Werften

Die angekündigte Vergabe des größten Marineauftrags in der Bundeswehr-Geschichte an ein Konsortium unter niederländischer Führung hat in Deutschland Kritik ausgelöst. Die erfolgreiche Werftengruppe Damen betonte allerdings am Dienstag, ein Großteil der Wertschöpfung beim Mehrzweckkampfschiff 180 werde auf deutsche Unternehmen entfallen - unter anderem in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Kommentar von Christoph Prössl, NDR Info

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Christoph Prössl meint, unter dem Strich haben die deutschen Unternehmen das Nachsehen.

Diese Entscheidung hat weitreichende Folgen. Und es spricht vieles dafür, dass die Folgen für die Region und den Werftenstandort Norddeutschland eher schlecht sind. Das Verteidigungsministerium hat europäisch ausgeschrieben. Gewonnen haben die Niederländer. Die Damen-Werft wird nun das Mehrzweckkampfschiff planen und bauen lassen. Die gute Nachricht: Blohm + Voss ist Subunternehmer der Niederländer. In Hamburg soll auch viel gebaut werden. 80 Prozent der Wertschöpfung soll in Deutschland erbracht werden. Das sichert Arbeitsplätze in einer gebeutelten Branche.

Deutschland schweißt, Niederlande sind die Ingenieure

Doch dieses Argument ist zweischneidig. Denn die komplizierte Planungsarbeit wird in den Niederlanden gemacht. Das Know-How, ein solch komplexes Waffensystem zu konstruieren - mit unzähligen Zulieferern, neuester Technik - das wird eben nicht in Deutschland aufgebaut. Zugespitzt formuliert: In Deutschland wird geschweißt, die maßgebliche Ingenieursleistung erbringt die niederländische Werft Damen. Dieses Wissen rüstet für den internationalen Wettbewerb. Die deutschen Unternehmen haben das Nachsehen.

Hartes Ringen um Technologie, Patente und Standorte

Nun ließe sich argumentieren: So ist das halt in Europa. Wir sind ein gemeinsamer Wirtschaftsraum. Der bessere hat gewonnen. Gut für die Marine. In einer idealen Welt gefällt mir dieser Gedanke. Aber leider ist die Welt nicht so übersichtlich gestaltet. Gerade im Rüstungswesen agieren die meisten Staaten noch sehr national. Aufträge werden an die eigenen Werften, Flugzeugkonzerne oder Panzerbauer vergeben. Gerade erst versuchen Deutschland und Frankreich, ein gemeinsames Kampfflugzeug und einen europäischen Panzer auf den Weg zu bringen. Und bei diesen Projekten zeigt sich eben auch, wie hart die Mitgliedsstaaten um Technologie, Patente, Standorte ringen. Müssten alle Aufträge für die Marine in Europa ausgeschrieben werden, wäre die Sache vielleicht leichter. Dann entstünde wirklich Wettbewerb, von dem alle profitieren könnten.

Europäische Verteidigungspolitik ist notwendig

Das Kuriose ist: Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD längst vereinbart, den Schiffbau als Schlüsseltechnologie zu definieren. Das würde bedeuten, dass die Bundesregierung direkt vergeben dürfte, zum Beispiel an deutsche Werften, ohne sich an Ausschreibungen gebunden zu fühlen. Doch auf diese Idee kamen die Koalitionäre erst, nachdem die Ausschreibung für das Mehrzweckkampfschiff längst auf den Weg gebracht war.

Die Bundesregierung sollte dieses Vorhaben - Marineschiffbau als Schlüsseltechnologie zu definieren - nun schnell zum Abschluss bringen für die Vorhaben der kommenden Jahre. Gleichzeitig muss Deutschland Motor werden für eine europäische Verteidigungspolitik. Dazu gehört eben auch eine europäisierte Beschaffung. Das ist kompliziert und langwierig, könnte aber am Ende helfen, Geld zu sparen und bessere Produkte zu bauen. Dabei sollten deutsche Unternehmen aber eine gute Chance haben.

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NDR Info | Infoprogramm | 14.01.2020 | 17:08 Uhr