Vier Wunderkerzen in der Zahlenfolge 2021 brennen in der Dämmerung. © picture alliance/dpa-Zentralbild/Sebastian Kahnert Foto: Sebastian Kahnert

Kommentar: Ziemlich gute Aussichten für 2021

Stand: 03.01.2021 00:00 Uhr

Das vergangene, von Corona geprägte Jahr ist wohl bei keinem in guter Erinnerung. Das gerade begonnene 2021 allerdings könnte sehr viel besser werden. Darauf deuten viele positive Entwicklungen hin.

So. Das war also 2020. Viele sagen: Gut, dass es vorbei ist. Es wäre wirklich eine Übertreibung, würden wir behaupten, dieses Jahr hätte Spaß gemacht. Viele nennen bei der Beschreibung ein anderes Wort, das auch mit "S" anfängt. 

Armin Maus, Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung © BVZ, Braunschweiger Zeitung
2020 war viel besser als sein Ruf, meint Armin Maus.

Wir müssen nicht lange nachdenken, um eine stattliche Liste der Zumutungen zusammenzubekommen. Die Pandemie, die uns Sorgen, Lockdown, Einsamkeit und furchtbare Quer-Pöbeleien einbrachte, wirtschaftliche Rückschläge und Existenznot in manchen Branchen, trotz der Milliardenhilfen, die den Staatshaushalt an Grenzen führen - so hartnäckig Olaf Scholz auch die Leistungskraft der Bundesrepublik beschwört. Das endlose Gezerre zwischen London und Brüssel um die Modalitäten des Brexit. Das Rumpelstilzchen im Weißen Haus, das in jeden Spalt den noch größeren Keil treiben musste. Schön war das alles nicht. Die Hymne auf 2020, so könnte man meinen, hatte die famose Metal-Band "Accept" in weiser Voraussicht schon im Jahr zuvor geschrieben: Ich brauch Dich wie ein Loch im Kopf, heißt es da, ins Deutsche rückübersetzt aus feinstem Solinger Englisch. 

Ein Jahr vieler positiver Lehren

Der Schein trügt. 2020 war viel besser als sein Ruf. Denn es war ein Jahr vieler positiver Lehren. Hätten Sie geglaubt, dass so viele Menschen in diesem individualistischen, manchmal egoistischen Deutschland eine solidarische Disziplin aufbringen würden, wie wir sie bei der Pandemie-Bekämpfung erlebten? Hätten Sie so schnelle und unterm Strich ganz ordentlich koordinierte politische Entscheidungen erwartet - und so viel Zusammenhalt zwischen Unternehmern, Belegschaften, Betriebsräten und Gewerkschaften? Wie viel Geld hätten Sie auf einen Sieg des vernunftgeprägten Joe Biden gegen den tobend triumphierenden Donald Trump gewettet? Dachten Sie, dass Großbritannien und die Europäische Union doch noch den Abriss der Beziehungen vermeiden würden? Oder dass sich China so schnell von den Corona-Folgen erholt und zur Konjunktur-Lokomotive wird? Und vor allem, dass noch vor dem Jahreswechsel Menschen gegen Corona geimpft werden könnten?

Optimistisch in das junge Jahr blicken

Dieses Ergebnis einer erstaunlichen Zusammenarbeit von universitärer Wissenschaft, forschender Pharmaindustrie und Aufsichtsbehörden ist der wichtigste Grund, warum wir optimistisch in das junge Jahr blicken können. Je besser es gelingt, die besonders gefährdeten Menschen zu immunisieren, desto früher können Deutschland und seine Nachbarn die Fesseln der Pandemie abschütteln. Die Ärztinnen und Ärzte, Pfleger und Schwestern und vor allem die Altenpflegerinnen und Altenpfleger werden endlich aufatmen können. Für die schwer leidenden Künstler, Event-Organisatoren, Händler, Gastronomen und Fitnessstudio-Betreiber wird ein Albtraum zu Ende gehen. Und an unseren Schulen und Universitäten wie in den Unternehmen kann wieder gearbeitet werden, wie wir es über Jahrzehnte gewohnt waren, ohne zu ahnen, wie wenig selbstverständlich diese "Normalität" war. 

Weil die Impfungen so entscheidend wichtig sind, darf es allerdings nicht bei der Mangelwirtschaft bleiben, die im Augenblick herrscht - das sich bisher abzeichnende Impftempo wird nicht reichen. Wenn es aber in Europa und der Welt mit der Corona-Bekämpfung rasch vorangeht, wachsen die Chancen auf Rückkehr zum Wirtschaftswachstum, das gerade Deutschlands Schlüsselindustrien brauchen, um ihren Umbau zu stemmen, die Autoindustrie ist nur ein Beispiel.

Nicht in alte Fehler zurückfallen

Vieles wird auch im neuen Jahr nur mit harter Arbeit und großer Disziplin zu schaffen sein - und dadurch, dass wir nicht in alte Fehler zurückfallen. Die Freude über die neue Agilität der öffentlichen Verwaltung und der Regierungen sollte Motivation genug sein, sie in den Normalbetrieb hinüberzuretten. 

Da unsere Politiker unter dem Druck des Virus wieder gelernt haben, öffentlichem Druck standzuhalten, könnten wir so die Lähmung überwinden, die fast jede große Investition befällt, sobald Anwohner oder auch nur die Verbündeten einer Schar Erdkröten etwas dagegen haben. Man muss nicht gleich im China-Stil durchregieren - kluger Kompromiss statt Blockade per Prozesslawine, das wäre schon ein großer Fortschritt. 

Es ist ja nicht so, dass unser Wohlstand ungefährdet wäre. In anderen Teilen der Welt sind uns mächtige Konkurrenten erwachsen, die ihre Wirtschaft genauso zielbewusst entwickeln wie ihr Bildungssystem. Auch hier müssen wir nicht die Methoden kopieren - aber wir sollten uns definitiv am Tempo der jungen, hungrigen Volkswirtschaften messen. Das gilt ganz besonders für die Digitalisierung.

In der vernünftigen Zusammenarbeit liegt die Lösung vieler Aufgaben. Das werden wir in der Europäischen Union erleben, die zwar keineswegs perfekt, aber doch viel besser abgestimmt agierte, als man es ihr vor Jahresfrist zugetraut hätte. Man wird erwarten dürfen, dass auch die Abenteuerlust Boris Johnsons gestillt ist. Das Miteinander Großbritanniens und der EU mag sich, im harten Licht der ökonomischen Tatsachen, nach den Regeln des mit Recht gerühmten britischen Pragmatismus entwickeln.  

Das transatlantische Verhältnis gibt Anlass zur Hoffnung

Selbst das zuletzt unter Trumps Schlägen zerbröselnde transatlantische Verhältnis gibt Anlass zur Hoffnung. Auch Joe Biden wird einen eher pazifisch ausgerichteten Kurs steuern, auch er wird  einen höheren Beitrag der Europäer zur Sicherheitspartnerschaft fordern - aber er stellt diese Partnerschaft nicht infrage. Wenn Amerika unter seiner Führung zum Multilateralismus zurückfände, wäre das eine gute Nachricht für die leidenden Menschen in vielen Krisenregionen, denen Trumps Deal-Geprahle nicht helfen konnte. Die Vereinten Nationen und die Welthandelsorganisation würden Einfluss zurückgewinnen - dringend wäre es nötig. Mit Biden kann nun auch wieder konstruktiv über das wichtigste Projekt der Menschheit diskutiert werden - den Klimaschutz und den Erhalt unserer natürlichen Lebensquellen. 

Die Aussichten für 2021 sind ziemlich gut - und die Saat wurde noch in diesem berüchtigten Jahr 2020 gelegt. Wer hätte das gedacht.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 03.01.2021 | 09:25 Uhr