Der Schriftzug "Bitte Abstand halten" ist auf dem Boden vor dem Eingang einer Apotheke in der Innenstadt zu lesen. © dpa-Bildfunk Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Kommentar: Wir brauchen ein Klima der Rücksichtnahme

Stand: 27.12.2020 00:00 Uhr

Die Corona-Pandemie hat uns wieder in einen strikteren Corona-Shutdown gezwungen, als wir erwartet hatten. Und sie zwingt uns, Rücksicht zu nehmen. Mehr Rücksicht vielleicht, als wir es bisher gewohnt waren. Ist das gut so?

Ein Kommentar von Annette Bruhns, "Hinz&Kunzt"-Chefredakteurin

"Aber er hat ja gar nichts an!" Im Märchen ruft dies ein Kind beim Anblick des nackten Kaisers, den Betrüger in Luft gekleidet haben. In Schweden lief es jetzt genau umgekehrt: Der König erklärte sein Volk für nackt - beziehungsweise dessen Corona-Politik für gescheitert. Eine Politik, die nicht er seinen Untertanen aufgezwungen hat. Schließlich ist Schweden seit gut hundert Jahren demokratisch verfasst.

Möglich, dass China untertreibt

Porträtbild der Journalistin Annette Bruhns. © Spiegel Foto:  Johannes Arlt
Annette Bruhns meint, dass mehr Fürsorge in der Corona-Pandemie auch durch mehr Vernetzung erreicht werden könne.

Rund 8.000 Menschen sind bisher im Bullerbü-Land an der Seuche gestorben. China zählt keine 5.000 Corona-Toten, und das, obwohl das Reich der Mitte hundertmal mehr Einwohner hat. Möglich, dass China seine Zahlen untertreibt. Möglich, dass unter den schwedischen Corona-Opfern auch welche sind, die mit und nicht am Virus starben. Der Unterschied bleibt enorm. Nur: Liegt das daran, dass in China autoritär durchregiert wird? Dass keine Maus dort einem Lockdown entkommt, dass die Menschen gläsern sind für ihre Regenten?

Hoffnungen in Schweden wurden bitter enttäuscht

Wer das glaubt, wer mit Freiheit und Demokratie rechtfertigen möchte, dass auch Deutschland gegenüber der Seuche an Boden verliert, liegt falsch. Der Unterschied zwischen den Ländern, die die Pandemie kleingehalten haben und jenen, in denen sie ungezähmt wütet, ist keine Frage der Staatsform. Norwegen gleicht in seiner Verfasstheit, seiner Besiedlung und seinem Klima Schweden. Doch im Vergleich zum Nachbarland gibt es in Norwegen deutlich weniger Corona-Tote. Norwegen war im März im Shutdown, hat einen strengen Infektionsschutz für seine Altersheime entwickelt, je nach Region herrscht Maskenpflicht.

Nicht so in Schweden: Erst jetzt, nachdem der König dem Volk ins Gewissen geredet hatte, hat die Regierung das Tragen von Masken empfohlen. Bis dahin hatte die Politik die Corona-Maßnahmen in die Hände von Gesundheitsexperten gelegt. Die wiederum gingen einen sehr eigenen Weg - Stichwort Herdenimmunität. Bis vor Kurzem dachten Schwedens Epidemiologen, man werde besser durch die zweite Welle kommen als die nordischen Nachbarn. Eine Hoffnung, die jetzt bitter enttäuscht wurde.

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Warum Südkorea ein Vorbild für uns alle sein kann

Warum haben wir nicht alle mehr nach Asien geschaut? Weil das Virus aus China kam und daher nach Abschottung und Diktatur roch? Taiwan, Japan oder Südkorea sind Demokratien und haben dennoch beneidenswert niedrige Opferzahlen. Soyeon Schröder-Kim, die Frau des deutschen Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder, hat das neulich damit erklärt, dass in Südkorea etwas hochgeschrieben werde, für das wir nicht einmal ein Wort haben.

Es heißt "Be-ryo" und bedeutet, dass man sich fürsorglich, rücksichtsvoll und respektvoll gegenüber seinen Mitmenschen verhält. Denn die Maske schützt ja nicht den Träger, sondern andere. Wenn freilich alle Maske tragen, schützen sich alle gegenseitig. Masken zu tragen - das musste weder in Seoul, noch in Tokio oder Hongkong groß angeordnet werden. In Asien war es schon vor Corona gute Sitte, Mund-Nasen-Schutz zu tragen - etwa bei Schnupfen. Angesichts von Hitze und Luftfeuchtigkeit ist das wahrlich kein Vergnügen. Aber es herrscht eben "Be-ryo", ein Klima der Rücksichtnahme.

Erfolgreiche Abschottung in Teilen von Afrika

Vielleicht sind die Menschen in Ländern, die schon Pandemien hinter sich haben, einfach schlauer. Nigeria etwa hat gleich im März seine Grenzen geschlossen. Gut ein halbes Jahr lang waren die Flughäfen sogar für Inlandsflüge gesperrt und die Außengrenzen dicht. Aus dem riesigen Land wurde eine Insel - mit Erfolg.

Fast überall in Afrika ist das große Sterben bisher ausgeblieben. Man kannte dort Ebola. Und mangels Intensivbetten vielerorts war es gar nicht möglich, sich an deren Beleglage zu orientieren. Im Endeffekt bedeutete das eine Null-Corona-Politik.

Impf-Beginn sollte uns nicht euphorisch machen

Wie weise dieses Ziel ist, zeigt sich jetzt. Immer häufiger treten Coronaviren mit gefährlichen neuen Eigenschaften auf. Eine Mutation in Südafrika scheint jetzt Jüngere härter zu treffen. Von einer neuen Variante in Südengland heißt es, sie sei um 70 Prozent ansteckender. Keine schönen Aussichten fürs neue Jahr. So sehr die neuen Impfstoffe Hoffnung machen: Wir sollten vorsichtig bleiben. Und uns alle in "Be-ryo" üben, also aufeinander Rücksicht nehmen.

Schalten Sie die App ein!

Das könnte auch bedeuten, die Corona-App zu überdenken. Anders als in Südkorea darf in Deutschland der Staat seine Bürgerinnen und Bürger nicht auf Schritt und Tritt tracken. Das ist gut so - in normalen Zeiten. Aber wie verhält es sich im Notzustand? Was nützt uns der beste Schutz unserer Privatsphäre, wenn wir dadurch schutzloser gegen tödliche Ansteckung sind? Wenn die soziale Sphäre kaputtgeht, geliebte Menschen sterben, Existenzen vernichtet werden. Ich wünsche mir mehr "Be-ryo" auch in diesem Sinne: mehr Fürsorge durch mehr Vernetzung. Schalten Sie die App ein!

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 27.12.2020 | 09:25 Uhr