Stand: 19.11.2019 17:10 Uhr

"Windkraft muss sein - mehr Kontrolle auch"

Angesichts der Krise in der Windkraftindustrie hat Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Landtag vor einem Kollaps der Branche gewarnt und Maßnahmen zum Gegensteuern vorgeschlagen. Auf die Tagesordnung gebracht hatte das Thema der angekündigte Stellenabbau des Windkraftanlagenherstellers Enercon aus Aurich.

Ein Kommentar von Gerd Wolff, NDR Info

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Windenergie braucht mehr Akzeptanz durch mehr Kontrolle, meint Gerd Wolff in seinem Kommentar.

Die Debatte kommt spät. Wie sehr es in der Branche kriselt, wissen wir seit vielen Monaten. Erst als der Chef von Enercon - ganz offenbar weder unternehmerisch noch sozial ein Vorzeigeunternehmen - die Jobkeule herausholte, entstand neuer Handlungsdruck für die Politik.

Ausbauziel von Weil ist sinnvoll

Niedersachsens Ministerpräsident Weil nahm den Druck auf, und wer wollte ihm widersprechen? Natürlich brauchen wir schnellere Genehmigungsverfahren für höhere und verbesserte Windenergieanlagen. Selbstverständlich lassen sich die Klimaziele nur dann erreichen, wenn auch Naturschützer und Waldbesitzer einsehen, dass die Energiewende eines Industrielandes nicht länger an einem möglicherweise bewohnten Rotmilan-Nest scheitern darf. Es gibt zu viele und zu lange juristische Auseinandersetzungen, und ja: Pauschale Abstandsregeln waren und sind anachronistisch. Wieso ein 200 Meter hohes Windrad keinesfalls in 980 Metern Entfernung zum Anrainer, aber sehr wohl bei 1.010 Metern gebaut werden darf, ist niemandem ernsthaft zu erklären. Zumal von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche Abstände gelten. Kurz: Das Ausbauziel des niedersächsischen Ministerpräsidenten, der bald pro Jahr fünf Gigawatt Leistung, also über den Daumen gut 1.000 moderne Windräder aufstellen lassen will, ist vielleicht zu ambitioniert - sinnvoll ist es allemal. 

Anwohner haben berechtigte Kritik

Wer auf dem Land wohnt, hat die Häme jener Städter nicht verdient, die maulen, eine überempfindliche Landbevölkerung klage die Klimaziele kaputt. Auch ein Dörfler weiß, dass der Strom nicht aus der Steckdose kommt. Aber er - oder sie - wissen eben auch, dass das mächtige Windrad vor der Haustür bei gutem Wind häufig still steht, weil noch immer die Leitungen fehlen, die den Strom transportieren könnten. Sie haben erlebt, wie sich die Windunternehmen in intransparenten Kungelrunden mit den Bauern vor Ort mit viel Geld die Flächen sicherten. Sie ahnen, dass das "Wumm-Wumm-Wumm", das den Schlaf raubt, am Ende doch schädlicher sein könnte, als die Hersteller versichern.

Das Vertrauen in die Windenergie erschüttert

Warum ist der Strom in Deutschland so teuer wie nirgendwo in Europa, obwohl er doch mit kostenlosem Wind gemacht wird? Und wieso wurde wieder eine ganze Industrie mit Subventionen hochgerüstet, ohne Konzept für die Zeit danach?

Es sind diese Fragen, die das Vertrauen in die Windenergie erschütterten. Fragen, die eine zu kurz gedachte und handwerklich schlechte Energiepolitik aufgeworfen haben. Wenn Bundeswirtschaftsminister Altmaier von der CDU nun versucht, möglichen Bürgerprotest gegen die Windkraft mit willkürlichen Abstandsregeln abzuwürgen, dann schafft er nur neue Probleme.

Mehr Kontrolle ist notwendig

Windkraft muss sein. Was bei der Akzeptanz hilft, ist mehr Kontrolle. Nur wer sicher sein kann, dass das Windrad in Sichtweite alle gesetzlichen Vorgaben einhält, wird wahrscheinlich ein Einsehen in den Nutzen haben. Hier wartet neuer und dringender Handlungsbedarf für die Politik. Es sind die Landkreise, die am Ende jede neue Anlage genehmigen. Sie sind aber auch Aufsichtsbehörde. Ob Lärm, Schattenwurf oder Tierschutz: Viel zu selten wird anschließend geprüft, ob die Hersteller ihre Versprechen auch einhalten.

Das ist die Chance für neues Vertrauen: Die kommunal- wie landespolitisch Handelnden schaffen mehr Transparenz und bauen auf Ehrlichkeit. Und die Hersteller bauen Anlagen, die mehr Windkraft näher beim Menschen möglich machen. Dann muss man auch niemanden mehr entlassen.

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NDR Info | Kommentar | 19.11.2019 | 17:08 Uhr