Auf Pflastersteine sind rot-weiße-Flatterbänder angebracht. © photocase Foto: owik2hier wird noch gedacht

Kommentar: Wer Regeln aufstellt, muss sie selbst befolgen

Stand: 09.03.2021 16:21 Uhr

Politiker, die in der Corona-Pandemie Alltagsregeln aufstellen und sie dann selbst nicht befolgen, verspielen das Vertrauen in das Krisenmanagement.

Ein Kommentar von Michael Weidemann, NDR Info

NDR Info Redakteur Michael Weidemann
NDR Info Redakteur Michael Weidemann befürchtet Vertrauensverlust im Krisenmanagement.

Es war doch nur ein kurzer Gang in einen Mobilfunk-Shop. Wo Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Torsten Renz sowieso schon in Rostock war - dienstlich bedingt - und die Läden dort wieder geöffnet sind: Warum sollte er sich nicht schnell ein Ladekabel kaufen? Auch wenn dort eigentlich nur die Rostocker selbst die Erlaubnis haben, wieder shoppen zu gehen.

Ein Bagatellvergehen - wenn es überhaupt ein Vergehen war: So kann man das Verhalten des CDU-Politikers sehen. Doch diese Sichtweise blickt zu kurz. Denn sie lässt außer acht, dass es die Landesregierung, der Renz angehört, war, die die Regeln für die eingeschränkte Wiedereröffnung des Einzelhandels festgelegt hat. Wenn diese vorsehen, dass Bewohner von Regionen mit höheren Covid-Raten die Geschäfte in Rostock meiden müssen, hat sich auch der Güstrower Torsten Renz daran zu halten. Selbst wenn es von seinem Beobachtungsstandort in der Fußgängerzone bis zur Türschwelle des Mobilfunk-Shops buchstäblich nur ein Schritt gewesen sein mag.

Es ist eine moralische und eine rechtliche, vor allem aber eine politische Frage: Müssen Amts- und Mandatsträger in Corona-Zeiten nicht uneingeschränkt vorbildlich handeln? Dass die Antwort nicht ganz so einfach ist, zeigen die Vorfälle, bei denen mehrere Landräte vorzeitig geimpft wurden: Hätten sich die kommunalen Top-Beamten tatsächlich weigern sollen, mit übriggebliebenem Serum geimpft zu werden - selbst wenn der restliche Impfstoff dann gar nicht genutzt worden wäre?

Eine Zwickmühle. Wer die öffentliche Debatte der vergangenen Wochen aufmerksam verfolgt hat, kann indes nur zu einem Schluss kommen: Die Landräte hätten den Arm besser nicht ausgestreckt. Und Torsten Renz sein Ladekabel besser im Internet bestellt. Beides mag aus lebenspraktischer Sicht nicht unmittelbar einleuchten. Doch Corona hat uns nun mal ziemlich abstruse Alltagsregeln beschert. Und wer diese Regeln aufstellt, muss sie auch selbst befolgen. Anderenfalls sinkt das Vertrauen in das Krisenmanagement der Politik noch weiter ab.

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NDR Info | Kommentar | 09.03.2021 | 17:08 Uhr