Im kleinen Ort Schuld im Ahrtal laufen die Auräumungsarbeiten auf Hochtouren © picture alliance/dpa | Thomas Frey Foto: Thomas Frey

Kommentar: Welche Lehren ziehen wir aus der Hochwasserkatastrophe?

Stand: 25.07.2021 07:21 Uhr

Nach den katastrophalen Überschwemmungen in Deutschland mit vielen Toten ist die Debatte um eine bessere Klimapolitik noch einmal verstärkt. Die Lehre aus der Flut ist aber auch, dass Deutschland auf den Umgang mit solchen Katastrophen nicht gut vorbereitet ist.

Ein Kommentar von Cora Stephan, freie Autorin

Cora Stephan © n.n. Foto: n.n.
Cora Stephan sieht nicht den Klimawandel als Ursache für die schweren Hochwasser, sondern Flächenversiegelung und die Begradigung von Flüssen.

Wir haben uns hierzulande daran gewöhnt, jedes extreme Wetterereignis dem Klimawandel zuzuschreiben. So auch angesichts der furchtbaren Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschlands: Die Natur habe uns "ihre Lektion mit dem Vorschlaghammer erteilt", meinte Claus Kleber im ZDF und die Kanzlerin erklärte, nachdem sie die Schäden im kleinen Ort Schuld besichtigt hatte, man müsse "so schnell wie irgend möglich" auf klimaneutrale Wirtschaft umstellen. Doch einer widersprach ihr - der Bürgermeister von Schuld. Bereits 1790 habe es ein verheerendes Hochwasser gegeben - und da gab es keinen Klimawandel.

Fehlendes Risikobewusstsein

Nun - ob wir es heute vor allem damit zu tun haben, sei dahingestellt. Dass menschliches Tun oder Unterlassen keinen Anteil an der Katastrophe hätten, wäre indes auch nicht wahr. Der Mensch vergisst, was die Vorfahren noch wussten: Selbst der Ortsbürgermeister musste erst in der Chronik der Gemeinde nachsehen, um festzustellen, dass es auch in der Vergangenheit zu derlei Ereignissen gekommen ist. Die Gemeinde liegt in einem durch Hochwasser gefährdeten Gebiet. Mit dem nötigen Risikobewusstsein ausgestattet, hätte man sich darauf einstellen können.

Das ist die erste Lektion: Seit Jahren reden wir davon, dass es ungut ist, Flüsse und Bäche zu begradigen oder ihnen ihr Rückzugsgebiet zu nehmen, zu nah am Wasser zu bauen, den Boden zu stark zu verdichten und zu versiegeln. Die Bevölkerung und die Bautätigkeit haben zugenommen, aber an die Infrastruktur wurde nicht gedacht - oft ist die Kanalisation nicht für derartige Wassermassen in so kurzer Zeit ausgelegt.

Und schließlich, und das Thema wird uns noch länger beschäftigen: Warum wurden die Anwohner nicht gewarnt, schließlich gab es solide Hinweise auf eine bedrohliche Wetterlage? Man erinnere sich: Der "nationale Warntag" im vergangenen September offenbarte großflächiges Versagen, "Warnapps" funktionierten ebenso wenig wie die Sirenen, sofern es sie überhaupt noch gab. Deutschland, meint ein Journalist dazu, sei, was den Katastrophenschutz betrifft, "auf dem Stand eines Entwicklungslandes". Womöglich noch nicht einmal das. Ist es angesichts dessen wirklich am wichtigsten, "so schnell wie irgend möglich" zum "klimaneutralen Wirtschaften" überzugehen? Was immer das heißt - und ganz abgesehen davon, dass alles in Deutschland eingesparte CO2 dann eben von anderen Ländern emittiert wird. Auch Deutschland wird sich nicht zu einer Art Klimainsel umwandeln lassen.

Triumph der bürgerlichen Selbsthilfe

Zweite Lektion: Im Krisenfall sind offenbar die meisten offiziell dafür vorgesehenen Kräfte überfordert. Die Katastrophe war zugleich ein Triumph der bürgerlichen Selbsthilfe. Landwirte kamen mit ihren Traktoren, um aufzuräumen und zeigten ganz nebenbei, dass bei solchen Lagen ein guter alter Diesel nicht durch ein Elektrofahrzeug zu ersetzen ist, das sofort absaufen würde. Heldentaten wurden in Eigeninitiative vollbracht, weil kein Einsatzleiter seinen Leuten einen derart gefährlichen Einsatz hätte zumuten dürfen: Das Ausbaggern des verstopften Abflusses der Steinbachtalsperre etwa, 18 Meter unter dem Wasserspiegel, übernahm der 68-jährige Geschäftsführer eines Tiefbauunternehmens und verhinderte so den Dammbruch. Die Retter in der Not waren, ganz nebenbei, überwiegend jene weißen Männer, oft nicht mehr sehr jung, die es sich sonst gefallen lassen müssen, verspottet zu werden. Auch eine Lektion.

Die dritte Lektion ist: Wir sollten Abschied von jener Grandiosität nehmen, mit der versprochen und verkündet wird, wir könnten das Klima oder gar die Welt retten - vor allem angesichts der Tatsache, wie oft wir schon im engeren Umfeld scheitern. So, wie wir mit einem Virus leben müssen, werden wir uns auch auf Klimawandel einzustellen haben, egal, in welche Richtung es dabei geht. Doch in beiden Fällen hat sich gezeigt: Auf nichts ist dieses Land vorbereitet.

Wäre es da nicht vernünftiger, man nähme sich vor, Größe im Kleinen zu zeigen? An die nächsten Aufgaben zu gehen statt sich Jahrhundertaufgaben vorzunehmen? Sich vorzubereiten, sich anzupassen, statt sich einem Kampf zu verschreiben, der nicht zu gewinnen ist?

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 25.07.2021 | 09:25 Uhr