Stand: 19.04.2020 00:00 Uhr

Weitere Corona-Lockerungen müssen schnell folgen!

Der Alltag vieler Menschen wird wohl noch lange von den Einschränkungen der Corona-Pandemie bestimmt sein. Ein Ende der Auflagen ist noch nicht abzusehen, auch wenn nun einige Lockerungen in Gang kommen. Von Montag an haben wieder mehr Geschäfte geöffnet.

Ein Kommentar von Heike Göbel, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Heike Göbel, Redakteurin der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". © FAZ / Frank Röth Foto: Frank Röth
Für Heike Göbel sind die Lockerungen ein wichtiges psychologisches Signal.

In viele deutsche Innenstädte und Fußgängerzonen kehren ab Montag mehr Leben und hoffentlich auch Umsätze zurück. Nicht überall wird das strikte staatliche Corona-Schutzregime im selben Tempo gelockert: In Bayern etwa müssen auch Inhaber kleinerer Geschäfte und ihre Kunden noch länger Geduld aufbringen als in der Mitte und im Norden der Republik. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gibt die Schlüsselgewalt wegen der höheren Infektionszahlen seines Bundeslandes erst Ende April zurück an die Einzelhändler.

Geduld bleibt Trumpf

Geduld bleibt aber ohnehin Trumpf in Corona-Deutschland. Öffnen dürfen vorerst in der Regel nur Läden bis zu 800 Quadratmetern und das nur, wenn sie die Auflagen zum Schutz vor Ansteckung einhalten, die örtlich unterschiedlich ausfallen. Die neuen Regeln sind streitanfällig und unübersichtlich, sie wecken nicht gerade Lust auf einen Einkaufsbummel. Kunden müssen sich informieren, ob der Lieblingsladen schon wieder offen hat, wo Masken Pflicht sind und ob der Nahverkehr im gewohnten Takt fährt. Sie müssen sich auf schwer kalkulierbare Warteschlangen einstellen und sich Gedanken über sanitäre Einrichtungen machen, denn die Pause im Café ist überall noch verboten.

Lohnt die schnelle Öffnung überhaupt?

Auch die Einzelhändler müssen abwägen. Lohnt die schnelle Öffnung überhaupt, wenn weniger Kunden kommen? Der Infektionsschutz kostet zusätzliches Geld, die Mitarbeiter müssen aus der Kurzarbeit geholt und entlohnt werden. Aber in einer Marktwirtschaft bietet eine solche Krise gerade pfiffigen Unternehmern auch eine Chance, sich im Wettbewerb nun einen Vorsprung zu erarbeiten, mit neuen Angeboten und überraschenden Dienstleistungen. 

Deutschlands Geschäfte und Betriebe sind schneller geschlossen als geöffnet, so viel ist jetzt schon klar. Was es wirklich bedeutet, eine weltweit so vernetzte Wirtschaft - unter weiterhin großer Unsicherheit über die Gesundheitsrisiken - nach einer Vollbremsung wieder zum Laufen zu bringen, wird man erst nach und nach lernen müssen. Dafür gibt es kein Vorbild. Analogien zum Krieg und das Gerede vom "Wiederaufbau" sind wenig hilfreich. Anders als ein Krieg lässt das Virus Gebäude und Maschinen intakt und dürfte auch die arbeitsfähige Bevölkerung kaum dezimieren.

Ein fehlendes Teil kann die Produktion lahmlegen

Die Probleme, die es verursacht, wiegen dennoch schwer: Wieder in Gang gebracht werden müssen die zahllosen ineinander greifenden Zahnrädchen weitverzweigter Lieferketten. Volkswagen zum Beispiel bezieht allein für seine deutschen Autofabriken Teile aus 6.500 Produktionsstandorten in Europa, in denen das Virus derzeit ebenfalls noch Beute sucht. Ein einziges fehlendes Teil kann die ganze Produktion lahmlegen. 90 zusätzliche Gesundheitsschutzmaßnahmen müssen in die Abläufe eingeplant werden. Nicht alles hat das Unternehmen selbst in der Hand: Pendler hängen am öffentlichen Nahverkehr, Mitarbeiter sind auf Kinderbetreuung in Schulen und Kitas angewiesen, die noch geschlossen sind. Und was nutzt der gelungene Hochlauf der Produktion in Wolfsburg oder Zwickau, wenn Absatzmärkte fehlen, weil Kunden in Konkurs gegangen oder arbeitslos geworden sind? 

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Ein wichtiges psychologisches Signal

Die Lockerung der Beschränkungen im Einzelhandel ist ein wichtiges psychologisches Signal, ein erster Schritt, auf den schnell weitere folgen müssen. Denn die wirtschaftliche Bedeutung dieses Schritts ist gering, zur Wertschöpfung trägt der Einzelhandel mit seinen mehr als drei Millionen Beschäftigten nicht mal fünf Prozent bei. Ein knappes Drittel des Wohlstands wird im produzierenden Gewerbe erwirtschaftet, das auf seine Exportmärkte angewiesen ist. Viele Dienstleistungen sind ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen, Flugbetrieb und Tourismus ruhen.

Das alles erklärt, warum die Konjunkturprognosen so düster ausfallen, trotz der billionenschweren Hilfsprogramme. Das Ifo-Institut befürchtet, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um mehr als 15 Prozent schrumpfen wird - dreimal stärker als in der Finanzkrise 2009. Dass die Ökonomen richtig liegen könnten, lassen die jüngsten Zahlen aus China ahnen: Im ersten Quartal ist seine Wirtschaft fast um sieben Prozent eingebrochen. 

Das ist kein Grund, den Mut zu verlieren. Es sollte aber die Bereitschaft erhöhen, auch unkonventionelle Lösungen zu suchen, um Verluste so gering wie möglich zu halten. Dazu gehört der Vorschlag von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, die Sommerferien zu verkürzen. Das hilft, Schulstoff nachzuholen, und entlastet Eltern von der Betreuung, wenn die Betriebe wieder produzieren können. Es wird auch von solchen Ideen abhängen, wie schnell und gut Deutschland diese Krise überwindet.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 19.04.2020 | 09:30 Uhr