Eine Mund-Nasen-Bedeckung hängt über einer Christbaumkugel am Weihnachtsbaum. © picture alliance/Richard Brocken/ANP/dpa Foto: Richard Brocken

Kommentar: Weihnachten als Geschenk

Stand: 29.11.2020 07:15 Uhr

Die Verlängerung der strikten Corona-Regeln ist mit dem Versprechen versüßt, Weihnachten könne im Familienkreis gefeiert werden. Das ist fast ein Geschenk - aber eines, mit dem behutsam umgegangen werden sollte.

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

Weihnachten ist immer überladen mit Emotionen und Erwartungen. Aber das Fest in diesem Jahr toppt alles. Es soll Atempause nach dem "Lockdown light" und vor den schwierigen Wintermonaten sein, Familienwiedersehen und Kinderfreude, und, im besten Fall, Wendepunkt in der Pandemie. Wenn über die Weihnachtsferien die Zahl der Neuinfektionen sinkt und jene der Impfungen gegen Corona steigt, dann könnte der Start in ein neues, besseres und gesundes Jahr 2021 gelingen, nachdem wir uns alle so sehnen.

Die Politik meint es gut mit uns

Lars Haider, Chefredakteur des "Hamburger Abendblattes"
Jeder trägt gerade an Weihnachten eine große Verantwortung, nicht nur für sich, sondern für die Gemeinschaft, meint Lars Haider.

Weihnachten ist in all den Überlegungen, die sich die Regierungschefs der Länder zusammen mit der Bundeskanzlerin und ihren Ministern in der vergangenen Woche gemacht haben, der Fixpunkt gewesen. Die Politik meint es gut mit uns, wenn sie ihre Strategie gegen Corona so ausrichtet, dass wir, die Bürgerinnen und Bürger, Weihnachten feiern und unsere Liebsten sehen können. Und natürlich ist die Sehnsucht gerade jetzt, nach fast einem Jahr in einer nicht-vorstellbaren Naturkatastrophe, groß danach, dass sich irgendetwas endlich mal wieder so anfühlt wie früher.

Wenigstens Weihnachten! Dafür werden die Ferien vorverlegt, dafür werden die Betriebe gebeten, ihre Belegschaften, wann immer es geht, im Homeoffice arbeiten zu lassen, dafür werden die Kontaktmöglichkeiten zwischen Haushalten noch einmal beschränkt. Für ein halbwegs frohes Fest. Wie gesagt: Das ist wirklich gut gemeint.

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Selbstverordnete Vor- und Nach-Quarantäne

Aber ist es auch gut, wenn wir an Weihnachten ausgerechnet das machen, was wir zuletzt bewusst und unter großen Entbehrungen vermieden haben? Wochenlang haben die Großeltern ihre Enkel nicht gesehen, und wenn, dann draußen, mit drei Meter Abstand. Wochenlang haben wir uns, so gut es ging, zu Hause eingeigelt, so wenig Freunde und Bekannten getroffen wie möglich, am besten gar keine. Und dann sollen wir, als wäre dieser ganze Corona-Wahnsinn vorbei, zu Weihnachten durchs Land zu Freunden und Familien reisen, uns gemeinsam an den Weihnachtstisch setzen oder unter den Tannenbaum, ohne Abstand, ohne Mund-Nasen-Schutz? Hoffentlich geschützt von einer selbstverordneten Vor-Quarantäne, auf die sich nach Weihnachten am besten eine Nach-Quarantäne anschließt? Wie wird sich das anfühlen, wenn die Enkeltochter der Oma auf den Schoß springt? Darf man eigentlich singen, wenigstens "O du fröhliche"? Und was ist, wenn die Cousine eine Schnupfnase hat?

Mir persönlich - und Weihnachten ist eine sehr persönliche, private Sache, da hat der um den CDU-Vorsitz kämpfende Friedrich Merz schon recht - sind das zu viele Fragen. Mir würde es schwerfallen, unter Corona-Bedingungen Weihnachten wie immer zu feiern, und ich glaube nicht, dass ich es genießen könnte - im Gegenteil. Kommt hinzu, dass allein meine Familie an den Festtagen so viele Kontakte mit anderen Menschen hätte wie im kompletten November nicht, wenn wir so feiern würden, wie wir in der Vergangenheit immer gefeiert haben. Kann das richtig sein?

Es kommt auf jeden einzelnen an

Wie gesagt, es ist eine persönliche Entscheidung, die aber demnächst millionenfach getroffen werden muss - und die trotz aller Vorbereitungen von Seiten der Politik nicht leicht ist. Denn es waren und sind ja gerade die persönlichen Entscheidungen und privaten Verhaltensweisen, die über den Verlauf der Pandemie entschieden haben und weiter entscheiden werden. Insofern trägt jeder, gerade an Weihnachten, eine große Verantwortung, nicht nur für sich, sondern für die Gemeinschaft.

Es sind übrigens Angela Merkel (CDU), Markus Söder (CSU) und all die anderen Regierungschefs gewesen, die nicht müde werden, genau das zu betonen. Es kommt auf jeden Einzelnen an, gerade in Ferienzeiten, die uns ja zuletzt im Kampf gegen Corona leider immer zurückgeworfen haben.

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Am entscheidenden Punkt der Pandemie angekommen

Berücksichtigen muss man dabei auch, dass wir an einem entscheidenden Punkt der Pandemie angekommen sind. Die rettenden Impfstoffe sind da, die dunkle, kalte Jahreszeit wird Weihnachten zur Hälfte rum sein. Wenn wir die Ferien dazu nutzen, die Infektionszahlen wieder auf einen Sieben-Tage-Wert unter 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner zu drücken, und das bleibt ja das erklärte Ziel, dann könnte es reichen, um unser Gesundheitssystem bis in das Frühjahr zu retten. In dem wird sicher noch nicht alles wieder so sein wie vor der Pandemie, aber deutlich besser als heute - und mit der Aussicht, dass der Spuk dank der Impfstoffe im Verlauf des nächsten Jahres endgültig vorbei ist.

Das wäre, seien wir ehrlich, doch das schönste Geschenk, und noch dazu eines, das wir uns selbst machen können. In diesem Sinne schon jetzt: Frohe und vor allem besinnliche und ruhige Weihnachten! Und denken Sie daran: Weniger ist mehr, dieses Mal wirklich. Das gilt übrigens besonders für Silvester. Wer ein schönes neues Jahr haben möchte, bleibt am 31. Dezember ausnahmsweise mal zu Hause.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 29.11.2020 | 09:25 Uhr