Stand: 11.08.2020 17:00 Uhr

Russland prescht vor: Kommentar zum ersten Corona-Impfstoff

Weltweit arbeiten mehr als 160 Unternehmen und Forscher daran, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu finden. Jetzt ist ein Land vorgeprescht: Russland. Angeblich hat das Land einen Impfstoff auf den Markt gebracht. Forscher weltweit reiben sich die Augen.

Ein Kommentar von Anja Martini, NDR Info

Anja Martini, NDR Info
Wissenschaftsredakteurin Anja Martini zweifelt daran, dass Russland einen ausreichend erprobten Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt hat.

Da ist er also, der erste Impfstoff gegen das Coronavirus. All unsere Hoffnungen haben sich erfüllt. Kann das wirklich wahr sein? Wohl eher nicht. Russland ist vorgeprescht mit der Mitteilung, dass es jetzt einen Impfstoff zugelassen hat.

Alle anderen Forschungseinrichtungen und Pharmahersteller weltweit reiben sich jetzt sicher die Augen. Ein sogenannter Vektor-Impfstoff - die Methode ist in der Forschung bekannt und sie ist berüchtigt. Das Virus wird auf diese Vektoren - im Falle Russlands auf zwei Adenoviren - gegeben und dem Menschen geimpft. Er bildet Antikörper und ist im besten Falle einige Zeit immun gegen das Virus.


Russland verzichtet auf Drei-Phasen-Testung

Aber bei dieser Art der Vektorimpfung auf Basis von Adenoviren muss die Zusammensetzung, die Dosierung sehr genau überprüft werden, damit das Immunsystem nicht überreagiert. Genau diese Überprüfung geschieht, weltweit standardisiert, in drei Phasen der klinischen Studien - normalerweise. Russland hat genau diese klinischen Studien - sagen wir mal - verkürzt.

Statt den Impfstoff an mehreren Tausend Menschen in verschiedenen Schritten unter genauer medizinischer Beobachtung zu testen, hat Russland ihn an etwa 38, vielleicht 50 Menschen erprobt. Die genaue Zahl ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Genauso wenig, wie Ergebnisse aus den Studien bekannt sind.

Keine öffentlich zugänglichen Untersuchungsergebnisse

Eigentlich werden Menschen, die an Impfstoff-Studien teilnehmen, genauestens beobachtet. Jede kleinste Veränderung wird protokolliert: Ob es eine Rötung an der Einstichstelle gab oder den Freiwilligen schlecht wurde oder sie Schmerzen hatten. Denn es geht nicht nur darum, dass ein Impfstoff gut verträglich ist, sondern, dass er auch wirksam ist.

Im Falle Russlands gibt es keine für die Öffentlichkeit zugänglichen Ergebnisse dieser Art, bis auf die Aussage des Präsidenten. Putin sagt, der Impfstoff sei effektiv und bilde eine beständige Immunität. Wieder reiben sich die Forscher weltweit wahrscheinlich die Augen: Woher will er das in dieser kurzen Zeit wissen?

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Es stellt sich also die Frage: Worum geht es wirklich? Um Prestige? Als erster einen Impfstoff zu haben - egal, welche Nebenwirkungen der vielleicht haben könnte? Langzeitfolgen? Menschen, die sterben?

Internationale Standards notwendig

Dies ist nicht der Wettlauf zum Mond. Es geht hier darum, eine Pandemie, die die ganze Welt betrifft, einzudämmen. Und zwar mit einem Impfstoff, der gut verträglich ist und möglichst viele Menschen schützt.

Wenn der nicht mit aller Genauigkeit nach internationalen Standards entwickelt wird, dann, so ist zu befürchten, bekommen wir neben der Corona-Pandemie noch ein ganz anders Problem - nämlich ein Glaubwürdigkeitsproblem für die Wissenschaften. Und dadurch womöglich eine hohe Zahl an Menschen weltweit, die sich nicht impfen lassen wollen, aus Angst vor nicht ausreichend erprobten Impfstoffen.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 11.08.2020 | 17:08 Uhr