Taliban-Soldaten versammeln sich mit Waffen und Maschinen in der Provinz Panjshir im Nordosten von Afghanistan. © dpa-Bildfunk/AP Foto: Mohammad Asif Khan

Kommentar: Mit den Taliban reden und ringen!

Stand: 09.09.2021 17:54 Uhr

Während in westlichen Staaten die Skepsis gegenüber den Taliban wächst, setzt China auf Annäherung. Außenminister Wang Yi kündigte Millionenhilfen für die neuen Machthaber in Afghanistan an. Welcher Weg ist der richtige für den Westen?

Taliban-Soldaten versammeln sich mit Waffen und Maschinen in der Provinz Panjshir im Nordosten von Afghanistan. © dpa-Bildfunk/AP Foto: Mohammad Asif Khan
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von Christoph Heinzle, NDR Info

Krieg gilt als letztes Mittel, als Ultima Ratio - nämlich dann, wenn alles Reden, Verhandeln und Ringen versagt hat. Doch Krieg will die internationale Gemeinschaft in Afghanistan nicht mehr führen. Gerade erst haben die Weltmächte ihre letzten Soldaten abgezogen. Bleibt - ja, genau - Reden, Verhandeln und Ringen. Wie fast immer in Politik und Diplomatie. Und wie so oft passen einem viele Positionen der Gegenseite nicht und ebenso wenig das Personal am anderen Ende des Verhandlungstisches. So geht es der internationalen Gemeinschaft derzeit mit Afghanistan.

Saudi-Arabien sieht der Westen sogar als Verbündeten

Christoph Heinzle © NDR Foto: Klaus Westermann
Für Christoph Heinzle gibt es keine zwei Meinungen: Gespräche mit den Taliban seien dringend notwendig.

Aber seien wir ehrlich: Das ist ja kein afghanisches Phänomen. Die Taliban sind ja nur einer von sehr vielen internationalen Gesprächspartnern, deren Vorstellungen weit von denen in unserer westlichen Welt abweichen. Dafür gibt es viele Beispiele. Mit Saudi-Arabien reden wir - und sehen das Königreich sogar als Verbündeten. Obwohl es eine absolute Monarchie ist, keine Demokratie. Obwohl die Staatsreligion Islam dort fundamentalistisch ausgelegt wird. In der Runde der G20 sitzen die Mächte des Westens nicht nur regelmäßig mit Saudi-Arabien, sondern auch mit China und Russland zusammen, wo politische Teilhabe beschnitten und Menschenrechte verletzt werden.

Nur wer Beziehungen pflegt, kann Bedingungen stellen

Und doch ist es wichtig, mit all diesen Ländern zu sprechen. Auch mit der neuen Taliban-Regierung in Kabul. Nur wer redet, kann seine Positionen deutlich machen. Nur wer Beziehungen pflegt, kann Bedingungen stellen. So ist es richtig, Nothilfe und vor allem Entwicklungshilfe an solche Bedingungen zu knüpfen. Schon um sicherzustellen, dass Hilfe auch denen zugutekommt, für die sie gedacht ist.

Kritik an Übergangsregierung ist gerechtfertigt

Es ist richtig, die Zusammensetzung der Übergangsregierung zu kritisieren, weil die Taliban damit ihr Versprechen brachen, das Kabinett auf ein breites Fundament zu stellen und viele Gruppen einzubeziehen. Und natürlich ist es richtig und wichtig, die Taliban an ihre zunächst versöhnlichen Worte zu erinnern, wenn sich ihre Politiker, Kommandeure, Kämpfer jetzt nicht daran halten und etwa die Rechte von Frauen und Mädchen massiv einschränken.

Afghanen dürfen nicht wieder zwischen die Fronten geraten

Doch reden sollte die internationale Gemeinschaft trotzdem mit der neuen Regierung in Kabul, meine ich. Die wünscht sich internationale Anerkennung. Nicht nur, damit Hilfsgelder weiter fließen und Projekte weiterlaufen können, sondern auch, weil die Taliban Bestätigung suchen als Sieger im Krieg gegen die ausländischen Mächte.

Diesen Hebel kann man nutzen, um ein Mindestmaß an politischen und gesellschaftlichen Rechten zu sichern, um Terrorgruppen wie Al-Kaida und IS möglichst kleinzuhalten - und um den Menschen in Afghanistan weiterhin zu helfen. Denn die dürfen nicht wieder zwischen die Fronten geraten, nicht in Flucht und Hunger getrieben werden.

Kein Waffenklirren und keine Drohgebärden - den Menschen zuliebe

Wir dürfen die gewaltigen Fortschritte in vielen Bereichen nicht zusätzlich gefährden: Bildung, Gesundheit, Infrastruktur.

Seit 2001 ist eine Generation von Afghaninnen und Afghanen herangewachsen, die selbstbewusster ist, besser ausgebildet, weltoffener und politisch engagierter als jede Generation zuvor. Mit diesen Menschen zusammen und ihnen zuliebe sollten wir mit den Taliban reden, verhandeln und ringen. Das geht auch ohne Waffenklirren und Drohgebärden.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 09.09.2021 | 17:08 Uhr