Bundeswehrsoldat der ISAF-Truppe in Afghanistan © dpa Bildfunk Foto: Maurizio Gambarini

Kommentar: Militäreinsätze sind kein Ersatz für Außenpolitik

Stand: 17.04.2021 22:34 Uhr

Die Operation der Internationalen Militärallianz in Afghanistan geht zu Ende - bis zum Herbst sollen die ausländischen Soldaten abziehen.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Bettina Gaus, Publizistin

Am Ende hat es nicht einmal mehr für die üblichen Beschwichtigungsformeln gereicht, denen zufolge die Operation doch insgesamt - irgendwie und irgendwo - erfolgreich gewesen sei. Nein, als die USA und wenig später die gesamte NATO ihren Rückzug aus Afghanistan ankündigten, da gab es nichts mehr zu beschönigen: Der Militäreinsatz war ein Fehlschlag - auf ganzer Linie.

Die Journalistin Bettina Gaus steht in einem Fernsehstudio und lächelt in die Kamera. © picture alliance/Geisler-Fotopress Foto: Robert Schmiegelt
Bettina Gaus meint: Der Ausgang des Afghanistan-Krieges zeigt die Grenzen der Macht von Streitkräften.

20 Jahre hat der Krieg gedauert, Anlass war seinerzeit der Angriff auf das World Trade Center in New York. Das Ergebnis: Die Gefahr des weltweiten islamistischen Terrors ist nicht gebannt. Nicht einmal die Taliban sind besiegt, im Gegenteil. Landeskenner erwarten, dass sie in Kabul erneut nach der Macht greifen werden. Von einer demokratischen Gesellschaft, in der die Menschenrechte beachtet werden, ist Afghanistan weit entfernt. Der Preis des Krieges war hoch: Viele Tausend Menschen sind ums Leben gekommen, Zivilisten und Soldaten.

Militärische Überlegenheit alleine reiche nicht aus

Afghanistan wird somit zum Symbol irriger Hoffnungen, die nach dem Ende des Kalten Krieges vor allem in westlichen Demokratien weit verbreitet waren. Mit einer Mischung aus Naivität und Ignoranz gingen viele Regierungen davon aus, militärische Überlegenheit alleine reiche aus, um in praktisch jedem Land für Stabilität sorgen und, fast nebenbei, auch noch eine demokratische Zivilgesellschaft etablieren zu können.

Arroganz schwang bei diesen Erwartungen oft mit. Die "barfüßigen Banditen" könnten doch nicht einmal richtig zielen, sagte ein Vertreter der US-geführten UN-Operation in Somalia über die Bürgerkriegsmilizen in dem ostafrikanischen Land. Jahre später zogen die ausländischen Militärs samt ihren Kampfhubschraubern und Amphibienfahrzeugen geschlagen ab. In Somalia regiert bis heute das Chaos, islamistischer Terrorismus gehört zum Alltag.

Nicht einmal im Kosovo herrschen stabile Verhältnisse. Um die Provinz zu befrieden, wurde von der NATO 1999 ein Angriffskrieg gegen das damalige Jugoslawien geführt - dass dieser völkerrechtswidrig war, bestreitet heute nicht einmal mehr der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber historische Entscheidungen lassen sich eben nicht rückgängig machen. Es bleibt nichts anderes übrig, als mit den Folgen zurecht zu kommen.

Bombenangriffe sind keine humanitäre Aktion

Was kann Militär, was darf es? Die Diskussion darüber wurde seinerzeit in Deutschland mit verletzender Schärfe und wechselseitigen moralischen Schuldzuweisungen geführt. Befürworter der neuen Rolle des Militärs sprachen von "Friedenseinsätzen" oder erklärten sogar Bombenangriffe zu humanitären Aktionen, die geboten seien, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Als handele es sich beim Einsatz von Waffen um eine andere Form der Verteilung von Hilfsgütern.

Gegnerinnen und Gegnern der neuen Kriege wurde - bestenfalls - ein naiver Pazifismus unterstellt, gelegentlich auch Prinzipienreiterei. Wer argumentierte, ein Krieg sei ohne Menschenrechtsverletzungen und zivile Opfer nicht zu führen, hatte eine breite Mehrheit gegen sich. Zu groß waren die Hoffnungen auf eine schöne, neue Zeit, in der sich komplexe Probleme mit einfachen Mitteln lösen ließen.

Diplomatie als langfristige Lösung

Das ist Vergangenheit. Der Ausgang des Afghanistan-Krieges zeigt die Grenzen der Macht von Streitkräften. Selbstverständlich lassen sich Diktatoren mit militärischen Mitteln verjagen - ob das im Einzelfall sinnvoll und verantwortungsbewusst ist, muss man im Hinblick auf Staaten wie Libyen und den Irak allerdings genau analysieren. Möglich sind Angriffe auf Nuklearanlagen, möglich ist es, den Einmarsch einer fremden Macht in ein anderes Land zurückzuschlagen. Möglich ist auch der dauerhafte Sieg über einen Kriegsgegner mit anschließender Besatzung.

Aber Militäreinsätze sind eben dennoch kein Ersatz für Außenpolitik. Wenn es eine Lehre gibt, die sich aus Afghanistan ziehen lässt und die gezogen werden muss: Für langfristige Lösungen gibt es keine Alternative zu langwieriger, mühsamer Diplomatie. Klingt langweilig, ist es auch. Aber alternativlos, um ein häufig missbrauchtes, manchmal aber eben zutreffendes Wort zu benutzen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 18.04.2021 | 09:25 Uhr