Stand: 12.10.2019 20:00 Uhr

Nach Tat in Halle wäre Besonnenheit angebracht

Das Entsetzen nach dem ganz offenbar antisemitisch motivierten Anschlag von Halle ist groß. Eine Frage, die nun diskutiert wird, lautet: Ist die Tat das Werk eines Einzelnen oder Ausdruck des zunehmenden Antisemitismus in Deutschland?

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Cora Stephan, freie Autorin

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Cora Stephan meint, dass vor allem mehr Polizeischutz und die Anwendung geltender Gesetze nötig sind.

Man rühme und lobe Türen, feste, solide, geschlossene Türen. Sie haben dafür gesorgt, dass ein Massaker in einer Synagoge in Halle an der Saale ausblieb. Sie schützten Gläubige, die Jom Kippur feierten, den heiligsten Tag des jüdischen Kalenders, vor der Mordlust eines Irrsinnigen, den offenbar nicht nur Hass auf Juden antrieb.

Quälend lange Minuten mussten sie um ihr Leben fürchten, bis die Polizei kam. Eine vor der Synagoge zufällig vorbeikommende Frau sowie der Kunde einer Dönerbude aber mussten ihr Leben lassen. Ein Albtraum. Nein, die Wirklichkeit.

Wie wäre es mit ein wenig mehr Zurückhaltung?

Manch einem fehlen da die Worte, der politischen Klasse natürlich nicht. Trauer, Wut, Betroffenheit: Wir kennen die Floskeln, aber immerhin zeigte man Solidarität mit der jüdischen Gemeinde, selbst die sonst so zurückhaltende Bundeskanzlerin ließ sich blicken. Um die beiden Ermordeten aber trauerten zuerst die Betenden der Synagoge.

Wie wäre es mit ein wenig mehr Zurückhaltung auf Politiker-Seite, oder wenigstens eine Zeit der Besinnung vor der allfälligen "Einordnung"? Denn während ansonsten gerne gewarnt wird vor der "Instrumentalisierung" eines "Einzelfalls", ist man dieses Mal mit Generalverdacht und Ausdeuten der "geistigen Brandstifter" schnell dabei. Gemeint ist, natürlich, der politische Gegner: die AfD.

Wird mit zweierlei Maß gemessen?

Prima, wenn man derart von eigenen Versäumnissen ablenken kann. Springer-Chef Matthias Döpfner nennt das "Verharmlosung" und sogar "Systemversagen": Wenn in Limburg ein "Allah"-rufender Mann einen Lkw stiehlt und damit acht Menschen rammt, sprechen Politiker von einem verwirrten Einzeltäter. Ein Syrer, der die Absperrung einer Synagoge überwindet und "Allahu Akbar" ruft, während er ein Messer zieht, wird einen Tag später freigelassen. Was für ein Zeichen an Nachahmungstäter. Und als Kuwait Airways sich weigerte, jüdische Passagiere zu befördern, kam hierzulande niemand auf die Idee, der Airline die Lande- und Startgenehmigung zu verweigern. Wie war das noch mit der "besonderen deutschen Verantwortung"?

Auch "geistige Brandstifter", die mit antisemitischen Parolen durch Berlin ziehen, wie Palästinenser und Islamisten zum Al-Quds-Marsch am 1. Juni in Berlin, kennen unsere Politiker nicht, ebenso wenig den importierten Antisemitismus vieler muslimischer Migranten, denen der Judenhass seit Kindesbeinen eingetrichtert worden ist. Da fragt niemand nach den gesellschaftlichen Ursachen oder den geistigen Brandstiftern oder dem Netzwerk, das diesen Antisemitismus stützt.

Ist ganz Deutschland "in großer Gefahr"?

Völlig klar: Es gibt Antisemitismus in Deutschland, wie überall auf der Welt. Ein Wunder, wenn es anders wäre. Es gibt ohne Zweifel Rechtsextremisten in Deutschland. Und es gibt Menschen, die ihren Wahn gewalttätig ausleben.

Nach allem, was man über den Täter von Halle weiß, worüber er selbst in einer Art Manifest und per Video Auskunft gibt, handelt es sich um einen psychisch extrem derangierten Mann. Ist er nun der Beweis dafür, dass es "dunkel wird in Deutschland", wie die "Welt" titelte, ja, dass ganz Deutschland "in großer Gefahr" ist? Muss man ihn als Teil einer rechtsextremistischen Verschwörung sehen? Steht hinter ihm ein national agierendes Netzwerk?

Den Schrecken wird man nicht verhindern können

Ehrlich gesagt: Daran darf man zweifeln, wenn man sich das selbst gebastelte Waffenarsenal vor Augen führt. Doch wäre es nicht besser, wenn er Teil von etwas Größerem wäre? Denn ein rechtsextremes Netzwerk könnte man womöglich aufspüren und ausschalten, ein deutsches Netzwerk zumal brächte einen nicht in Konflikt mit den eigenen Idealen namens "bunt und vielfältig".

Das, scheint mir, steckt hinter der Suche nach den "gesellschaftlichen Ursachen": Man möchte den Hebel finden, mit dem man all diesen Schrecken verhindern kann. Doch das kann nicht gelingen - es sei denn, man setzt auf Gedankenpolizei und Überwachungsstaat.

Denn man wird kaum jemanden daran hindern können, seine Vorbilder bei anderen Wahnwitzigen zu suchen. Ebenso wenig kann man übrigens jemanden daran hindern, aus dem Koran die Aufforderung zu gewalttätigem Menschenhass herauszulesen.

Was Politiker einfordern, müssen sie auch vorleben

Was hilft? Keine Lichterketten, keine Demonstrationen und Betroffenheitsrituale. Manchmal solide Türen, noch solidere als die der Synagoge in Halle. Vor allem Polizeischutz und die Anwendung geltender Gesetze.

Und besonders schön wäre es, wenn Politiker nicht mit zweierlei Maß messen und nach einer derartigen Schreckenstat jene Besonnenheit zeigen würden, die sie in anderen Fällen stets einfordern.

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NDR Info | Kommentar | 13.10.2019 | 09:25 Uhr