Windrad und Solaranlage im Rapsfeld © Fotolia.com Foto: VRD

Kommentar: Gute Botschaften für Artenvielfalt hören sich anders an

Stand: 17.10.2021 00:00 Uhr

Mit ambitionierten Absichtserklärungen der Teilnehmerstaaten ist Ende der Woche der erste Teil der Weltnaturkonferenz im chinesischen Kunming zu Ende gegangen. Es gebe "einen politischen Willen und eine politische Selbstverpflichtung für einen ehrgeizigen Rahmen" für den Artenschutz, so die Generalsekretärin der Biodiversitätskonvention, Elizabeth Maruma Mrema. Der Naturschutzbund Deutschland teilte mit, Teil eins der Konferenz "mache Hoffnung auf mehr". Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) forderte eine "wirksame Erfolgskontrolle" der Artenschutz-Ziele.

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Ein Kommentar von Cora Stephan, freie Autorin

Nichts könnte schöner sein, als wenn man sich weltweit einig ist. In China tagte die Weltnaturkonferenz und 200 Vertragsstaaten der "UNO-Konvention für die biologische Vielfalt" nahmen daran teil - viele nur virtuell. Das Ziel: 30 Prozent der Fläche an Land und im Meer sollen bis 2030 unter Schutz gestellt werden. Auch soll es weniger Naturverschmutzung etwa aufgrund von Überdüngung, Pestiziden oder Plastikmüll geben.

Die deutsche Bundesumweltministerin Svenja Schulze war dabei, im Kampf für alles, was da kreucht und fleucht - Bienen, Fledermäuse, Feldhamster oder Größeres. Auch etliche international agierende Unternehmen haben begriffen, dass nur ein herzerwärmendes Bekenntnis zur Artenvielfalt ihren angeschlagenen Ruf retten kann. Unilever etwa, eine Firma, die von Greenpeace zu den größten Plastikerzeugern weltweit gerechnet wird. Es schadet ja nichts, seine guten Absichten zu verkünden, auch wenn es vielleicht mehr nicht ist.

Doch lassen wir den Spott. Vielleicht folgt dem Bekenntnis ja sogar die eine oder andere sinnvolle Tat. Schließlich kann man selbst im Kleinen bekanntlich einiges bewegen: pflegeleichte Schottergärten ohne störendes Kraut und Unkraut sind nicht nur keine Augenweide, sondern auch keine Bienenweide.

Wie umweltfreundlich sind Windkraftanlagen?

Und doch: Irgendetwas passt bei all diesem Bekenntniseifer nicht zusammen, besonders hierzulande. Längst gibt es gentechnisch veränderte Pflanzen, wie etwa Kartoffeln, die weniger Pflanzenschutzmittel brauchen. Doch bekanntlich möchten wir hier in Deutschland nicht nur chemiefrei, sondern auch noch gentechnikfrei essen.

Cora Stephan © n.n. Foto: n.n.
"Belügen wir uns hierzulande nachhaltig selbst?", fragt Cora Stephan in ihrem Kommentar.

Und selbst wenn alle Vorgärten der Nation bienen-, hummel-, und vogelfreundlich wären: Das hilft eher wenig, wenn die Rotoren der klimafreundlichen Windkraftanlagen den Tieren im Wege stehen. Anlagen, von denen es immer mehr geben muss, will Deutschland seine Klimaziele einhalten.

CO2-frei - naja. Für die Fundamente der Riesen müssen gewaltige Mengen Beton in den Boden eingetragen werden. Das ist eine Bodenversiegelung, auch in Wäldern und Naturschutzgebieten, die ihresgleichen sucht. Welche 30 Prozent des Bodens also soll Deutschland künftig unter irgendeinen Schutz stellen? Gewiss nicht den Boden, auf dem Mais wächst, eine Pflanze, die ausgelaugte Böden hinterlässt, sofern nicht genug gedüngt wird, und die nicht dafür bekannt ist, dass sie Artenvielfalt begünstigt. Doch sie wird für klimafreundliche Biogasanlagen gebraucht.

Auch Photovoltaik hat ihre Tücken

Auch die Photovoltaik hat ihre Tücken. Da, wo sie bodendeckend eingesetzt wird, wächst nichts mehr, vor allem nichts bienenfreundliches. Und nicht zuletzt müssen nach dem Ende ihrer Laufzeit all ihre Bestandteile, ebenso wie die Rotoren der Windkraftanlagen, als Sondermüll verscharrt werden.

Kann es sein, dass wir uns in unserem Land geradezu nachhaltig selbst belügen? Mögliche Zweifel am ausschließlichen Fokus auf CO2-Vermeidung einmal außen vorgelassen, fragt es sich doch, ob Deutschland, nun wirklich nicht gerade der größte Verursacher, unter den jetzigen Bedingungen seine "Klimaziele" einhalten kann. Denn noch immer sind wir ein Industrieland, das auf eine stabile Energieversorgung angewiesen ist. Elektrizität muss da sein, wenn sie gebraucht wird, nicht nur, wenn die Sonne scheint und der Wind weht.

Plädoyer für die Kernkraft

Im Wahlkampf wurde an diesem Thema nicht gerührt. Und erst jetzt kommt aus der FDP der eigentlich naheliegende Vorschlag, für den Klimaschutz und als Reserveenergie die Atomkraftwerke, die in zwei Jahren abgeschaltet sein sollen, einfach weiterlaufen zu lassen. In einem offenen Brief gehen Intellektuelle und Wissenschaftler aus aller Welt, darunter Steven Pinker aus den USA und Theo Sommer, einst Chefredakteur der deutschen "Zeit", noch weiter: "Liebes Deutschland", heißt es da, das Land erhöhe die Kohlenstoffemissionen, indem es aus der Kernenergie aussteigt. Es müsse sich zu einer "Klima-Notstandsverordnung" entschließen, die jene 2010 vereinbarten Laufzeitverlängerungen für die AKW wieder in Kraft setzt.

Tatsächlich gibt es auch bei unseren unmittelbaren Nachbarn, etwa in Polen und Frankreich, eine Renaissance der Atomkraft, dank einer neuen Generation von Reaktoren, die ohne die Nachteile der alten Technologie funktionieren. Deutschland aber, einst Weltmarktführer, hat sich längst aus der Weiterentwicklung dieser Technologie verabschiedet.

Doch da "Atomkraft, nein danke" zur DNA der Grünen gehört, wird auch dieses Plädoyer auf taube Ohren stoßen. Das ist, ganz nebenbei, auch für die Artenvielfalt keine gute Botschaft.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 17.10.2021 | 09:25 Uhr