Stand: 20.06.2021 00:01 Uhr

Kommentar: Gemeinsam gegen China?

China, der Umgang mit China spielte bei der Europreise von US-Präsident Joe Biden eine zentrale Rolle. Biden sucht Verbündete für sein Vorhaben, die Macht der Volksrepublik einzudämmen. Er findet sie in Europa, aber nur zögerlich.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoversche Allgemeine Zeitung". © Hagemann Foto: Hagemann
China ist so erfolgreich, weil es immer öfter nur noch nach seinen Regeln spielt, meint Hendrik Brandt.

Wie weit ist es eigentlich nach China? Die Frage kann man ganz praktisch mit Angaben zu Kilometern oder Flugstunden beantworten - oder aber mit einem Blick hinter die Kulissen von Weltwirtschaft und Politik. Dort zeigt sich schnell: Nicht mehr sehr weit. Nachdem die westliche Wirtschaft über Jahrzehnte hinweg auf Chinas Arbeitskräfte und Absatzmärkte zugegangen ist, sind jetzt die Chinesen ihrerseits auf dem Weg. Und da kommt was auf uns zu.

Droht ein Kalter Krieg mit China?

Offenbar ist es so bedrohlich, dass die Chefs der als G7 zusammengefassten größeren Industrienationen in dieser Woche Klartext verfassen ließen. Sie wollen mit Peking dringlich über "Politik und Praktiken" sprechen, die den "fairen und transparenten Ablauf der Weltwirtschaft untergraben." Im Übrigen solle sich die kommunistische Führung beim Umgang mit der muslimischen Minderheit im Land und in Hongkong an fundamentale Freiheitsrechte halten. So weit, so richtig. Und so bekannt.

Vergleichsweise neu allerdings sind Tempo und Ton der chinesischen Reaktion. Unverblümt ließen die Herren in Peking sinngemäß wissen, dass es Ihnen herzlich egal sei, was da von den G7 beim Treffen am Strand von Cornwall so verlangt werde. "Die Zeiten", so schrieben sie, "in denen weltweite Entscheidungen von einer kleinen Gruppe von Ländern getroffen wurden“ seien vorbei. Ansonsten verbitte man sich Bemerkungen zu inneren Angelegenheiten. Das klingt nicht nur ein wenig nach einem neuen Kalten Krieg - es kann wirklich einer werden.

Klar ist spätestens jetzt, wer wo steht: Hier der bisher dominierende Westen mit seinem abendländisch-selbstsicheren Verständnis von Freiheit, Demokratie und wirtschaftlicher Dominanz. Dort ein fernöstlicher Gegenentwurf in der kollektivistischen Ausprägung einer historisch weit älteren Kultur, die an ihrem Recht und ihrer Berechtigung ebenso keine Zweifel kennt. Und so zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt aufgestiegen ist.

US-Präsident Joe Biden sieht in diesem China unserer Tage eine "Bedrohung" und ist sich zumindest in diesem Punkt mit seinem Vorgänger Donald Trump überraschend einig. Und es stimmt ja auch: China ist so erfolgreich, weil es immer öfter nur noch nach seinen Regeln spielt. Das ist dem Westen natürlich nicht fremd. Wer jedoch zwischen den unterschiedlichen Welten ein Gleichheitszeichen setzt, übersieht etwas Wesentliches: den Wert und auch die Würde des einzelnen Menschen.

Ein anderes Menschenbild

Helmut Schmidt hat einst in seinen raumgreifenden Überlegungen zu China immer daran festgehalten, dass es uns im Westen - und vor allem in Deutschland - nicht anstehe, die Chinesen wegen ihrer Geringschätzung individueller Rechte abzuqualifizieren. Das Menschenbild, so sagte er sinngemäß, sei dort nun einmal ein anders, das sei nur historisch zu begreifen und damit müsse man leben. Die Haltung der aktuellen Kanzlerin ist davon nicht weit entfernt. Im besten Fall erinnert das an eine alte Taktik aus dem Kalten Krieg - "Wandel durch Annäherung" hieß das seinerzeit. Die Amerikaner trauten dem damals schon nicht so recht.

Man kann diese deutsche Haltung - je nach Interessenlage - klug oder fahrlässig finden. Klug, weil ein Land, das beispielsweise vier von zehn produzierten Autos in China verkauft und dort unendlich viele verlängerte Werkbänke betreibt, in der Abschottung keine realistische Alternative hat. Zumal unsere Wirtschaft längst von chinesischen Investoren mit betrieben wird. Fahrlässig ist die Haltung, weil es bei aller Annäherung eben keinen Wandel geben wird. Die lang gehegte Vorstellung, dass der nach-maoistische Staatskapitalismus in China auf lange Sicht mit Demokratie und Rechtsstaat einhergehen müsse, um erfolgreich zu sein, war ein gewaltiger Irrtum.

Das Gegenteil ist richtig: In fast keinem anderen Land der Erde ist die Unfreiheit größer. Zugleich wird China expansiv - mit Ansätzen einer zweiten Kolonisation Afrikas, mit gewaltiger Aufrüstung und Projekten wie der "neuen Seidenstraße". Der Begriff klingt nach romantischen Fernreisen - es geht aber um ein mächtiges Globalisierungsprojekt, an dem sich mehr als 100 Länder beteiligen und vor allem chinesische Firmen verdienen sollen.

Deutlich machen, wo Grenzen sind

"Der Mann, der den Wind der Veränderung spürt, sollte keinen Windschutz, sondern eine Windmühle bauen." So steht es in der "Mao-Bibel", jener Spruchsammlung, die angeblich vom Großen Vorsitzenden Mao Tse-tung stammt. Mal kühn auf uns angewendet soll das wohl heißen: Stell Dich den Chinesen nicht blind entgegen - sondern nutze ihre Ambitionen in deinem Sinn. Sicher, das könnte ein Weg sein. Zum ihm gehört aber auch, und da hat Joe Biden eben einfach Recht, zunächst mal deutlich zu machen, wo Grenzen sind. Wo wir uns fremd bleiben werden, weil wir anders leben wollen.

Erst wenn das klar ist, kommen die freie und chinesische Welt vielleicht gemeinsam voran. Hier geht es jetzt zunächst mal um Politik und dann um Wirtschaft. Sonst wird der Preis zu hoch, den unsere Gesellschaft für die Kooperation mit China zahlen müsste. Wie sagte der hochweise Vorsitzende Mao doch auch: "Keinen richtigen politischen Standpunkt zu haben bedeutet, keine Seele zu haben". Na, wo er Recht hat…

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 20.06.2021 | 09:25 Uhr