In einem Klassenzimmer ist ein Fenster während des Unterrichts weit geöffnet. © picture alliance Foto: Uli Deck

Kommentar: Ferien-Verlängerung ist überflüssige Schnapsidee

Stand: 13.10.2020 18:36 Uhr

Der Vorschlag von zwei Unions-Politikern, die Schulferien im Winter wegen der Corona-Krise zu verlängern, stößt auf viel Ablehnung. Auch im NDR Info Kommentar ist das Unverständnis nicht zu überlesen.

Ein Kommentar von Sabine Henkel, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist doch wirklich beeindruckend, wer alles im Corona-Krisen-Management mitmischt: die zuständigen Minister, die Ministerpräsidenten, die Kanzlerin - und jetzt auch noch Christoph Ploß und Stephan Pilsinger, ihres Zeichens nahezu unbekannt. Bis jetzt. Denn jetzt haben die beiden Nachwuchshoffnungen aus CDU und CSU vorgeschlagen, die Weihnachtsferien um ein paar Wochen  zu verlängern - zum Wohl der Lehrer und Schüler.

Damit sind sie von der Hinterbank mal kurz in den Fokus der Berichterstattung gerutscht. Die Betonung liegt auf "kurz". Denn die Erfolgsaussichten des Vorschlags sind in etwa so groß wie die, das Coronavirus in einem Einmachglas einzufangen.

Der CDU-Politiker Christoph Ploß ist Mitglied des Deutschen Bundestages. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

AUDIO: Ploß: Lernen kann man auch in den Ferien (5 Min)

Wir leben in einer Zeit der Verunsicherung

Sabine Henkel © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Reiner Freese
Sabine Henkel meint, dass die Verunsicherung bei den Menschen nicht ohne Not noch größer gemacht werden muss.

Aber um Erfolg ging es den beiden vielleicht auch gar nicht, sondern eher um Aufmerksamkeit. "Hallo, ich bin auch noch da - und ich will mal was werden!"

Ja, das kann man für eine Unterstellung halten, und ja, wir leben einer Demokratie, in der diskutiert werden darf und sogar muss. Unbedingt. Aber wir leben auch in einer Zeit der Verunsicherung, in der das Unverständnis täglich zunimmt über die Kakofonie in den einzelnen Bundesländern.

Die Lage ist schon unübersichtlich genug

Bis man nämlich herausgefunden hat, wohin man heute noch reisen darf und ob man einen negativen Test braucht und oder wie lange man alternativ in Quarantäne muss oder ob man direkt eine Party feiern darf mit fünf oder zehn oder 15 Menschen aus zwei oder drei Haushalten oder ob schon mehr als ein Signal der Corona-Warn-Ampel auf Rot steht und die Sieben-Tage-Inzidenz bei 35 oder 50 oder darüber liegt - ja, bis man all das in Erfahrung gebracht hat, sind die Herbstferien jedenfalls schon wieder vorbei.

In diesem Tohuwabohu brauchen wir keine Vorschläge wie diese: Schwarzarbeit vorübergehend erlauben, um den Konsum anzukurbeln, oder Mindestlohn senken, um Arbeitgeber zu entlasten, oder eben Weihnachtsferien verlängern, um Lehrer und Schüler zu schützen. Fehlt nur noch die Schnapsidee, Desinfektionsmittel auszuschenken - gemäß deutschem Reinheitsgebot natürlich.

Ploß und Pilsinger haben viel zu kurz gedacht

Wer wirklich etwas Sinnvolles vorschlagen will, sollte das erst mal bis zum Ende denken. Das haben die Unions-Nachwuchspolitiker ganz offensichtlich nicht getan. Denn längere Ferien bedeuten: Kinder müssen zu Hause betreut werden. Von wem denn, bitte sehr? Und außerdem: wie lange?

Der Winter ist ja Ende Januar nicht vorbei - und Corona dann immer noch da. Winterferien verlängern bis ins Jahr 2022, das kann ja nun wirklich niemand wollen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Hier finden Sie den Kommentar auch zum Nachhören.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 13.10.2020 | 17:08 Uhr