Stand: 26.03.2021 16:42 Uhr

Kommentar: Es macht sich Pandemie-Müdigkeit breit

Nach vorsichtigeren Lockerungen muss nun die dritte Corona-Welle abgewehrt werden. Erst der Oster-Lockdown, dann alles wieder zurück. Die Bundesregierung, aber auch die Bundesländer machen es schwer, den Sinn der Pandemie-Bekämpfung zu erkennen. Eine Folge: Es macht sich Pandemie-Müdigkeit breit. Gegen die allerdings kann man angehen.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoversche Allgemeine Zeitung". © Hagemann Foto: Hagemann
Es ist sehr hohe Zeit, dass Politik und Verwaltung jetzt endlich ihren Job besser machen, meint Hendrik Brandt.

Na, können Sie noch? Oder reicht es Ihnen jetzt endgültig? Sind sie gar "mütend" oder "wüde"? Die elende Corona-Pandemie hat ja schon viele Seltsamkeiten hervorgebracht - seit ein paar Tagen zählen auch diese bemühten Wortkonstruktionen aus den Talkshows dazu. "Mütend". Das soll jene resignierte Grundaggressivität beschreiben, die die Nation erfasst hat. Der immer neuen Viruswellen wegen - aber auch, weil Politik und Verwaltung weiterhin so viel falsch machen, wenn sie ihnen begegnen wollen. Es stimmt schon: Das eine macht müde, das andere wütend. Oder - je nach Temperament und Tagesform - auch mal umgekehrt. Dabei geht es uns eigentlich noch ganz gut. Eigentlich.

Bei Licht besehen braucht es gar keine Neuschöpfungen - wir haben es längst: das Pandemiewort. Probieren wir es mal mit den gängigen Sätzen dieser Tage: Deutschland ist trotz vieler Pannen und Absurditäten eigentlich noch vergleichsweise gut durch die Infektionswellen getaucht. Das Gesundheitssystem hat eigentlich funktioniert - auch, weil unglaublich viele Menschen dort täglich nicht viel fragen, sondern anpacken. Und, klar: Wir leben eigentlich ganz anders. Wir sind eigentlich im Urlaub auf Reisen. Wir gehen eigentlich gern shoppen. Und besuchen eigentlich jede Woche die Großmutter im Pflegeheim. Eigentlich. Das Wort steht für eine andere Wirklichkeit. Es will den nervtötenden Alltag im zweiten Corona-Jahr hinter sich lassen, zugleich auf das Gute deuten, das trotz allem in ihm stecken kann.

Das permanente "eigentlich" geht an die letzten Reserven

Aber, seltsam: Es tröstet nicht mehr. Mag ja sein, dass es anderswo auf der Welt rasende Corona-Masseninfektionen gibt und in vielen armen Ländern die Impfung noch nicht einmal begonnen hat. Dass es unendlich vielen Kindern auf dem Planeten schlechter geht als unseren, die seit fast einem Jahr darauf hoffen müssen, auf wenigstens eine dauerhaft krisenfeste Lehrkraft zu treffen. Oder zumindest den nächsten Geburtstag wieder mit Freunden feiern zu dürfen. Und, ja: Es gibt Länder, deren Corona-Management noch weit gruseliger ist als das hiesige. All das und noch viel mehr zu wissen reicht jedoch jetzt nicht mehr. Das permanente "eigentlich" geht an die letzten Reserven. Es ist keine Schande, das zuzugeben. Notfalls auch mal herauszuschreien. Doch was dann?

Vielleicht ist es an der Zeit, mal Ballast abzuwerfen, Kopf und Herz wieder freier zu bekommen. Zu Beginn der Pandemie war ja schnell von einer "neuen Normalität" die Rede - aber natürlich hat fast jeder und jede darauf gesetzt, dass es ganz schnell wieder in die alte geht. Nun zeigt sich, dass daraus bestenfalls mittelfristig etwas wird - wenn überhaupt. Dazwischen liegt ein kurvenreicher und steiniger Weg, auf dem sogar die Kanzlerin mal lang hinschlägt. Aber war denn wirklich alles prima in der "alten Normalität" - der "eigentlichen" also? Sind, mal so als Beispiel, zwei Flugreisen im Jahr oder der ganze überdrehte Skizirkus gut für Mensch und Planet? Ist ein Land ohne eine echte digitale Lebenswelt besser dran? Und: Haben wir Großmutter wirklich besucht oder nur viel davon gesprochen? Je länger die Ausnahme dauert, desto mehr Fragen gibt es an die Regel.

Was von unseren "eigentlichen" Bedürfnissen ist unverzichtbar?

Heute feiern die Christen ihren Palmsonntag, der in der Sprache früherer Generationen die "stille Woche" vor Ostern eingeleitet hat. Nun wird es nicht jedem liegen, sich in diesen Tagen in norddeutsch-protestantischer Zerknirschtheit zur Einkehr zu bemühen. Und angesichts der Pandemie vieles mal eben leichterhand über Bord zu werfen, was bisher galt. Das wäre ja auch Unsinn. Aber zum Sortieren eignen sich die nächsten Tage ja womöglich doch ganz gut. Was von unseren "eigentlichen" Bedürfnissen ist unverzichtbar? Was wäre nett - und was kann vielleicht doch erst mal weg? Und: Wie hoch ist das Niveau nun wirklich, auf dem wir klagen?

Ja, es gibt gute Gründe müde, enttäuscht und auch wütend zu sein. Manche können wir nicht ändern. Andere machen noch eine Menge Arbeit - in den Krankenhäusern, in den Familien und in den gebeutelten Unternehmen erst recht. Und es ist sehr hohe Zeit, dass Politik und Verwaltung jetzt endlich ihren Job besser machen. Die Pandemie rufe das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervor, hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einem Jahr zu Ostern gesagt. Da hat er Recht behalten. Also: Müdigkeit hin, Wut her - es liegt weiterhin an uns, welcher Teil am Ende die Oberhand behält.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 28.03.2021 | 09:25 Uhr