Eine Ärztin impft eine Jugendliche © Colourbox

Kommentar: Es kommt jetzt auf die noch Ungeimpften an

Stand: 08.09.2021 18:10 Uhr

Die Corona-Impfkampagne stockt - und das gefährdet die Gesellschaft. Mindestens diejenigen, die sich nicht impfen lassen können und die auf Schutz durch andere angewiesen sind. Bund, Länder und Kommunen werden jetzt gemeinsam eine Impf-Kampagne durchführen. Aber reicht das, um die vierte Welle noch abzuschwächen?

Eine Ärztin impft eine Jugendliche © Colourbox
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Ein Kommentar von Korinna Hennig, Wissenschaftsredakteurin bei NDR Info

Erinnert sich noch jemand an den Anfang des Jahres? Als nicht genügend Impfstoff da war, manche stundenlang vor dem Computer saßen und vergeblich versuchten, für ihre 80-jährigen Eltern einen Termin im Impfzentrum zu ergattern? Heute sitzen viele bockig vor dem vollen Teller und verweigern sich. Man kann nur den Kopf schütteln, wenn man hört, wie viele Menschen anscheinend tatsächlich glauben, das Virus würde von selbst wieder weggehen, wie viele Menschen sagen: "Och, jetzt noch nicht. Ich warte noch ein bisschen ab mit der Impfung."

Persönliche Risikofaktoren werden massiv unterschätzt

NDR Info Moderatorin Korinna Hennig im Studio. © NDR/ Foto: Christian Spielmann
Wissenschaftsredakteurin Korinna Hennig betreut bei NDR Info unter anderem den Podcast Coronavirus-Update.

Die Gefährlichkeit des Virus wurde offenbar immer noch nicht deutlich genug gemacht. In Portugal, wo die schlimmen Auswirkungen der Pandemie viel sichtbarer waren als bei uns, sind inzwischen 86 Prozent mindestens einmal geimpft. 

Die Delta-Variante, die jetzt dominiert, verdoppelt das Risiko, im Falle einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen. Und auch persönliche Risikofaktoren werden massiv unterschätzt. Übergewicht zum Beispiel wird im Alltagsverständnis oft nicht als Vorerkrankung eingeordnet, bringt aber überproportional viele Infizierte auf die Intensivstation.

Intensivierung der Impfkampagne ist der richtige Schritt

Deshalb ist es wichtig, dass das Bundesgesundheitsministerium jetzt noch mal mit der Impfkampagne nach vorne geht. Und es ist richtig, dass der Handel sich demonstrativ an die Seite von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gestellt hat, offensiv für die Impfung werben und auch mehr dafür sorgen will, dass der Impfstoff zu den Menschen kommt, die sich einfach bisher nicht selbst gekümmert haben.

Hans Vorländer © NDR/Wolfgang Borrs Foto: Wolfgang Borrs
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Viel zu lange wurde zu oberflächlich informiert

Aber ob das reicht? Vieles kommt spät, vielleicht zu spät. Kognitionsforscher wissen, dass man Falschnachrichten nur schwer wieder aus der Welt schaffen kann. Die Politik hat viel zu lange zu oberflächlich über die Impfung informiert. Es geht darum, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, sie aufzuklären, wo Fehlinformationen scheinbar logisch daherkommen, oft von einem halbwahren Kern ausgehen und sogar von schlecht informierten Ärzten weiterverbreitet werden.

Wenn Spahn sagt, dass die Social-Media-Kampagne statistisch gesehen jeden Menschen in Deutschland 23 Mal erreicht hat, dann sagt das nicht viel aus. Detaillierte Aufklärung ist mindestens genauso wichtig wie Werbung für die Impfung. Dazu gehört ganz aktuell auch die Aufklärung darüber, dass Impf-Durchbrüche kein Grund zur Beunruhigung über die Wirksamkeit der Impfung sind.

Es ist Zeit für 2G - und mehr Solidarität mit den Kindern

Es gibt viele Missverständnisse in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel den Irrglauben, das Testen könnte die Impfung ersetzen. Wer mit dem 3G-Prinzip als Ungeimpfter eine Veranstaltung voller Geimpfter besucht, gefährdet nicht die anderen, sondern sich selbst, weil die Geimpften vor Erkrankung geschützt sind, eine für sie ungefährliche Infektion aber womöglich gar nicht bemerken und das Virus verbreiten können.

Die Entscheidung, Tests kostenpflichtig zu machen und mehr auf 2G zu setzen, hat in Frankreich die Impfquote erkennbar nach oben getrieben. Und es ist auch Zeit für mehr Solidarität mit Kindern, dafür, sie durch eine hohe Impfquote unter Erwachsenen mit zu schützen, was der Minister übrigens bezeichnenderweise erst auf Nachfrage erwähnte.

Kommunikation muss schnell besser werden

Es ist fatal, dass die Kommunikation in Deutschland aus wahltaktischen Gründen so zaghaft abläuft. Die frühe Festlegung, über eine Impfpflicht nicht mal zu diskutieren, ist im Angesicht einer weltweiten Krise schon seltsam. Für die Wirtschaft sind nicht nur Kontaktbeschränkungen verhängnisvoll, sondern auch hohe Krankenquoten - zum Beispiel durch Long Covid, darauf hat Clemens Fuest vom Ifo-Institut schon ganz früh hingewiesen.

Wenn die Kanzerkandidaten unisono sagen: "Einen Lockdown wird es nicht geben", dann setzt das das völlig falsche Signal. Das ist kein Selbstgänger, was auch immer mit Lockdown gemeint ist. Wir alle wollen keine schärferen Maßnahmen mehr, wir alle wären die jetzigen Maßnahmen gerne bald los. Die einzigen, die darauf Einfluss nehmen können, sind allerdings die Menschen, die jetzt noch nicht geimpft sind.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 08.09.2021 | 17:08 Uhr