Stand: 14.08.2020 17:20 Uhr

Kommentar: "Digitalisierung braucht mehr als Schulgipfel"

Bund und Länder wollen die Digitalisierung des Schulbetriebs vorantreiben. Bei einem Treffen im Kanzleramt wurde unter anderem der "gemeinsame Wille" festgestellt, alle Lehrer mit Dienstcomputern auszustatten. Außerdem habe Einigkeit über das Ziel geherrscht, erneute komplette und flächendeckende Schließungen von Schulen und Kitas wegen Corona möglichst zu vermeiden, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit.

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

Verena Gonsch © NDR Foto: Christian Spielmann
Verena Gonsch findet, der Schulgipfel trage groteske Züge.

Ehrlich gesagt: Der sogenannte Schulgipfel trägt ähnlich groteske Züge wie Söders Testoffensive in Bayern. Vollmundig werden 500 Millionen Euro versprochen, die in die Ausstattung der Schulen mit Tablets und Internetzugang gesteckt werden sollen. Verschwiegen wird dabei, dass seit über einem Jahr fünf Milliarden Euro bereitstehen, um reichlich verspätet den digitalen Unterricht voranzutreiben. Abgerufen wurde von diesem Geld des sogenannten Digitalpakts bisher kaum was. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich habe mit vielen Schulleitern gesprochen, die sagen, dass die Anträge viel zu kompliziert wären. An ihren Schulen gebe es allerhöchstens ein, zwei Informatiklehrer, die sich mit der Materie auskennen würden. Einige haben sich damit beholfen, dass sie externe Kräfte eingestellt haben, die nun diese Anträge bearbeiten. Das heißt, das Geld wird von vielen Schulen noch nicht einmal angefordert. Andere geben dem Schulträger die Schuld, also den Kreisen und Kommunen, die nicht in die Puschen kommen und seit Corona-Zeiten völlig brach liegen.

Im Bildungssystem mangelt es an allem

Dieser kurze Einblick zeigt, woran es im deutschen Bildungssystem mangelt: tatsächlich an allem. WLAN-Zugang, Lernplattformen, IT-Service an den Schulen, Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte. Hinzu kommt noch ein bürokratisch überzogener Datenschutz, der ein "einfach mal machen" von vornherein ausschließt. Da kommen Lehrkräfte tatsächlich in der Schule nicht in Skype oder Zoom, weil der Schulserver das blockiert. Da können Schüler die E-Mails der Lehrer nicht lesen, weil eine Firewall eingebaut ist.

Neue Lehrerinnen und Lehrer sind rasch verzweifelt

Kein Wunder, dass neue Lehrkräfte, die gerade von der Uni kommen, noch motiviert digitalen Unterricht umsetzen wollen, spätestens nach zwei Jahren an der Schule aber verzweifeln. Dieses bittere Fazit zieht eine Studie von Bildungsforschern. Eine andere Expertin spricht von dem Hase- und Igel-Prinzip. In Hamburg wird noch mit den Personalräten darüber gestritten, ob Lehrkräfte eine dienstliche E-Mail-Adresse bekommen. Jugendliche und Kinder nutzen diese Form der Kommunikation aber schon lange nicht mehr. Sie sind längst zu den Messengern gewandert. Auf Bundesebene wird jetzt der Kauf von Laptops beschlossen, die sind aber auch schon längst von Tablets abgelöst worden. Lernplattformen, die jetzt angeboten werden, sind meist vor zehn Jahren entwickelt worden, mittlerweile setzen sich Cloud-Lösungen durch. Die sind natürlich ein Horror für den deutschen Datenschutz.

Strukturell befinden wir uns noch in der analogen Zeit

Kurz und gut: Es braucht sehr viel mehr als kleine oder große Schulgipfel und irgendwelche Geldtöpfe, um die Digitalisierung an deutschen Schulen zu verankern. Klar ist: Natürlich sind uns durch die Corona-Krise die Probleme deutlicher geworden. Es gibt unglaublich viele Lehrkräfte, die in Eigenarbeit und nach Feierabend an digitalen Lösungen tüfteln. Strukturell befinden wir uns aber noch in der analogen Zeit bei Stift und Zettel. Und daher rühren Probleme, die wir bis zum Herbst nicht gelöst haben werden. Kein Wunder also, dass der Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht in der jetzigen Corona-Zeit zwar in jedem Expertenpapier steht. Wirklich wuppen können das derzeit aber nur ein paar Hundert Modellschulen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 14.08.2020 | 17:08 Uhr