Frau mit Maske am Fenster. © imago images / Geisser Foto: Michael Geisser

Kommentar: Durchhalteparolen helfen den Corona-Erschöpften nicht

Stand: 22.01.2021 12:59 Uhr

Nicht nur der ARD-Deutschlandtrend zeigt: Die Deutschen empfinden die Corona-Einschränkungen zunehmend als Belastung. Was hätten die Politikerinnen und Politiker anders machen können und sollen?

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

"Bitte machen Sie mit! Lassen Sie jetzt nicht nach!" - Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat es nun wieder mit "Verbal-Doping" versucht. Er probiert, die zunehmend von Corona-Maßnahmen ermatteten Deutschen noch einmal zu motivieren.

Daran, dass die Politik-Elite nicht genügend mit den Menschen kommuniziert, liegt es jedenfalls nicht. Selten haben wir eine Regierung, eine Kanzlerin mit so viel Redebedarf erlebt. Und das ist auch richtig so. Hätte Angela Merkel ab 2015 ihre Flüchtlingspolitik genauso ausführlich der Bevölkerung dargelegt und erklärt, wie sie das jetzt mit ihrer Corona-Politik tut - vielleicht wäre die AfD nie so stark geworden.

Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement sinkt

Kai Küstner, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin © ARD-Hauptstadtstudio Foto: Jens Jeske
Kai Küstner meint, dass es ein Muntermacher sein könnte, wenn Politiker ihre Fehler eingestehen würden.

Nun aber ist die vor fünf Jahren noch viel zu wortkarge Kanzlerin allgegenwärtig. Sie hat sich innerhalb eines Jahres schon viermal vor die versammelte Hauptstadtpresse gesetzt. Hat sich in Fernsehansprachen an die Nation gewandt, hat im Bundestag - bisweilen ungewohnt emotional - Rede und Antwort gestanden.

Trotzdem sinkt laut ARD-Deutschlandtrend die Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern. Werden die - trotz allem ja unvermeidlichen und notwendigen - Anti-Corona-Maßnahmen als "zunehmende Zumutung" empfunden.

Das liegt zum einen daran, dass sie das natürlich auch sind. Da ist die Künstlerin, die seit fast einem Jahr nicht auftreten kann. Der Restaurantbesitzer weiß nicht, ob er je wieder wird öffnen können. Und die Eltern, für die der Küchen- zum Schreibtisch geworden ist, müssen mit Hausaufgaben und Hausarbeit, mit Kindern und Videokonferenzen jonglieren.

Gemachte Fehler endlich eingestehen

Doch zum anderen hat erfolgreiches Krisenmanagement auch viel mit Vertrauen zu tun. Und das ließe sich stärken, wenn Bund und Länder gemachte Fehler endlich auch mal eingestehen würden. Zum Beispiel, dass man im Oktober und November die Gefahr nicht voll erfasst und den Eindruck erweckt hat, mit ein paar Wochen "Pobacken-Zusammenkneifen", wie es der Präsident des Robert Koch-Instituts einst ausdrückte, sei die Sache dann auch wieder ausgestanden.

Zum Beispiel, dass man es innerhalb von nun fast einem Jahr nicht geschafft hat, einen vernünftigen Fahrplan zu erarbeiten, mit dem man nicht nur die Fenster in den Schulen, sondern auch deren Tore wieder öffnen könnte.

Berlin und Brüssel könnten Glaubwürdigkeit erheblich steigern

Und schließlich: Die Erkenntnis, dass es zwar natürlich richtig war, den Kauf des Impfstoffs an die verhandlungsmächtige EU auszulagern und nicht national-egoistisch zu organisieren. Aber die Glaubwürdigkeit Brüssels wie Berlins würde es doch erheblich steigern, wenn man in beiden Hauptstädten mal in klaren Worten eingestehen würde, dass man im Rennen um die richtigen Impfstoffe mit viel zu wenig Geld viel zu spät zum Teil auf die falschen Pferde - sprich: Hersteller - gesetzt hat. Und dass dies auch ein Grund dafür ist, dass über 80-Jährige in diesen Tagen vergeblich und zunehmend verzweifelt einen Impftermin zu bekommen versuchen.

Die Bundesregierung, die Landesregierungen haben so viel richtig gemacht in dieser Pandemie - bis zum Sommer 2020 fast alles -, dass sie nun auch mal Fehler eingestehen könnten. Das wäre ein viel besserer Muntermacher und würde den Deutschen über ihre zunehmende Corona-Erschöpfung viel eher hinweghelfen als immer neue Durchhalteparolen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 22.01.2021 | 17:08 Uhr