US-Präsident Donald Trump streckt die Daumen nach oben auf dem Balkon vor dem Blue Room des Weißen Hauses in Washington. © dpa bildfunk/AP Foto: Alex Brandon

Kommentar: Donald Trumps Umgang mit Corona

Stand: 10.10.2020 23:00 Uhr

US-Präsident Donald Trump baut seine noch nicht überstandene Corona-Erkrankung in den Wahlkampf ein. Er spricht von einem "Segen Gottes". Nachdenklicher allerdings scheint er nicht geworden zu sein.

Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro des "Spiegel"

Die Polit-Serie "House of Cards" galt lange als spannende, aber letztlich maßlos überzeichnete Darstellung der amerikanischen Spitzenpolitik. So ruchlos, so besessen, so durchgeknallt wie in der Fiktion sei doch niemand in Washington, bemängelten Kritiker. Nach vier Jahren Donald Trump im Weißen Haus muss man sagen: Eine Serie wie "House of Cards" würde so heute nicht mehr produziert. Weil sie viel fantasieloser und langweiliger wäre als die Gegenwart. Weil sie von jeder Dokumentation über Donald Trump in Sachen Irrsinn geschlagen würde.

Donald Trump hat Corona von Beginn an verharmlost

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Mit dieser Inszenierung hofft Trump offenbar, die drohende Wahlniederlage abzuwenden, meint "Spiegel"-Autor Markus Feldenkirchen.

Was sich zuletzt im Weißen Haus und einem benachbarten Militärhospital vor den Augen der Weltöffentlichkeit abspielte, war der Showdown einer nie dagewesenen Präsidentschaft, die letzte Folge einer dramatischen, so nie gesehenen Staffel. Ob es auch das Ende der Serie war oder nur der Cliffhanger für eine Fortsetzung, entscheidet sich am 3. November - sofern Trump den Ausgang der Präsidenten-Wahl akzeptiert. Selbst das ist bizarrerweise nicht gewiss, aber ein anderes Thema.

Trump hat Corona von Beginn an verharmlost und Menschen, die es ernst nahmen, verspottet. Seine Weigerung, Führung zu übernehmen oder wenigstens selbst als Vorbild zu fungieren, trugen dazu bei, dass die Vereinigten Staaten besonders schlimm von dieser Pandemie betroffen sind. Der Präsident persönlich, der die Bürger seines Landes eigentlich schützen sollte, ist mitverantwortlich für bislang mehr als 210.000 Corona-Tote. Und auch die vielen Arbeitslosen des Landes sind Folgen seines Nichthandelns.

Eigene Erkrankung hat Trump nicht nachdenklicher gemacht

Wer nun aber gedacht hatte, die eigene Erkrankung würde Trump vielleicht nachdenklicher und empathischer machen, oder - verwegener Gedanke - sie könne ihn sogar dazu bewegen, das Virus nicht länger zu verniedlichen, sondern entschieden zu bekämpfen, der hat sich fies geschnitten.

Es ist inzwischen fast ermüdend, sich über die Ruchlosigkeit dieses Mannes zu ereifern. Aber sein Umgang mit Corona hat eine andere Qualität als all die Ungeheuerlichkeiten, die ansonsten auf sein Konto gehen, weil dieser Umgang einen ganz unmittelbaren Einfluss auf das Leben und die Perspektiven der amerikanischen Bürger hat.

Als der erkrankte Präsident sich nach drei Tagen selbst aus dem Krankenhaus entließ, hatte er folgende Botschaft für die Welt: "Habt keine Angst vor Covid. Lasst Corona nicht Euer Leben dominieren." Und dann fügte er, der Infizierte, noch hinzu: "Ich fühle mich besser als vor 20 Jahren."

Gipfel der Verantwortungslosigkeit

Seine angeblich schnelle Genesung, begleitet von der besten medizinischen Versorgung, die ein Mensch nur genießen kann, instrumentalisierte Trump, um sein gefährliches Narrativ zu bekräftigen: Alles halb so wild! Mehr Verharmlosung geht nicht. Und unverantwortlicher handeln kann man auch nicht. Mit dieser Inszenierung hofft er offenbar, die drohende Wahlniederlage abzuwenden. Und er zeigt, dass er bereit ist, buchstäblich über Leichen zu gehen, um einen persönlichen Vorteil zu erlangen.

In einer rationalen Welt würde alleine Trumps Corona-Management genügen, um ihn für jedes politische Amt zu diskreditieren. Wer dieses Versagen bislang nicht sehen wollte, bekam es am Beispiel seiner eigenen Infektion noch mal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt: Obwohl enge Mitarbeiter bereits positiv getestet waren, begab Trump sich weiter munter unter Leute und flitzte durch die Gegend. Als er selbst hochansteckend war, setzte er sich mit Sicherheitsleuten bei geschlossenen Fenstern in ein Auto, um eine PR-Spritztour rund ums Krankenhaus zu drehen. Seine Ärzte verbreiteten derweil keine Informationen über den wahren Gesundheitszustand des Präsidenten, sondern die erwünschte Propaganda.

Das Weiße Haus als Corona-Hotspot

Und als wäre all das nicht schlimm genug, betrieb das Weiße Haus, das auch durch Trumps Verhalten zu dem Corona-Hotspot des Landes wurde, keine ernstzunehmende Nachverfolgung von Kontakten. Der Präsident selbst, der sich immer schon über Maskenträger lustig machte, riss sich die eigene bei der Rückkehr ins Weiße Haus demonstrativ vom Gesicht, bevor er ins Gebäude mit all seinen Angestellten und Mitarbeitern spazierte. Am Mittwoch bezeichnete er die eigene Erkrankung dann als "Segen Gottes" und pries ein bislang weder umfassend geprüftes noch zugelassenes Medikament als Wundermittel. Es hatte etwas von: "Ich habe mich persönlich für Euch geopfert und ein Medikament ausprobiert, das uns alle heilen wird." Was für ein kitschiger Quatsch!

Man kann nur hoffen, dass diese traurige Realsatire der vergangenen Tage die letzte Folge einer tragischen Serie war. Dass keine Fortsetzung folgt. Was ihr Protagonist mit dem Land und seinen Menschen gemacht hat, ist erschütternd. Und an diesem Fazit ändert auch nichts, dass nach wie vor rund 40 Prozent der amerikanischen Bevölkerung bereit sind, diesem Irrsinn weiter zu folgen. 

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NDR Info | Kommentar | 11.10.2020 | 09:25 Uhr