Menschenmengen und Verkehrschaos am Flughafen von Kabul, Afghanistan © picture alliance/dpa/AP Foto: picture alliance/dpa/AP

Kommentar: Die Lehren aus dem Afghanistan-Fiasko

Stand: 22.08.2021 09:11 Uhr

Das einzig Gute an Katastrophen ist, dass man im Nachhinein aus ihnen lernen kann. Der Afghanistan-Einsatz war eine Katastrophe. Und es lassen sich eine ganze Menge Lehren aus daraus ziehen.

Ein Kommentar von Markus Feldenkirchen, "Der Spiegel"

Zunächst einmal: Nach den Anschlägen des 11. September, jener Terror-Attacke, die die westliche Welt zutiefst erschütterte, war es nachvollziehbar, dass wir, die Erschütterten, etwas unternehmen, eine Reaktion zeigen wollten. Es war ein zutiefst menschlicher Impuls: Lieber aktiv handeln, als weiter in Schockstarre zu verharren! Was dann ab aber folgte, war falsch, es war eine Panikreaktion - und die sind in den seltensten Fällen klug.

Eliteeinheit hätte Erfolg haben können

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Markus Feldenkirchen © Markus Feldenkirchen Foto: Markus Feldenkirchen
Der Afghanistan-Einsatz nach 9/11 war eine Panikreaktion und falsch, meint Markus Feldenkirchen.

Weil es sich das Terrornetzwerk Al-Kaida in den Bergen des Hindukusch gemütlich gemacht hatte, von den Taliban geschützt und unterstützt, entschieden die NATO und ihre Partner, gleich ganz Afghanistan einzunehmen. Sie wechselten die Führung aus, versuchten eine neue zu installieren, eine afghanische Armee aus dem Boden zu stampfen - und ein demokratisches System zu errichten. Jene Eliteeinheit, die viele Jahre nach Beginn des Afghanistan-Einsatzes Osama Bin Laden ausfindig machte und ihn tötete (übrigens in Pakistan, nicht in Afghanistan), diese Eliteeinheit hätte auch ohne die Besetzung eines ganzen Landes operieren und die Al-Kaida-Führung ausschalten können.

Militäreinsatz durch Demokratisierungsversuch rechtfertigen

Aber man setzte nicht auf Eliteeinheiten im Kampf gegen die bedrohlichsten Terroristen dieser Erde. Es musste gleich ein ganzes Land unter Kontrolle gebracht, das sich - das hätte man der Geschichte entnehmen können - nur schwer unter fremde Kontrolle bringen lässt. Zur Fairness gehört der Hinweis, dass es anfänglich nicht Ziel des Militäreinsatzes war, die afghanische Gesellschaft umzuerziehen, sie zur lupenreinen Demokratie zu transformieren. Aber wenn man erst mal so tief drin steckt in den Geschicken eines Landes, dann entsteht bald ein Rechtfertigungsdruck. Und so wurde die Transformation Afghanistans zur funktionierenden Demokratie doch irgendwann zur Rechtfertigung dieses Einsatzes. Und genau das ist das Fatale.

Demokratisierung von Deutschland und Japan gelang aus anderen Gründen

Es gibt nur wenige Beispiele in der jüngeren Geschichte, bei dem ein Land durch militärische Besatzung in eine Demokratie verwandelt werden konnte. Es gelang in Deutschland und Japan nach 1945. Wobei die Rahmenbedingungen damals sehr besonders waren. Zum einen, weil Deutschland in der Weimarer Republik zumindest erste Erfahrungen in Sachen Demokratie gesammelt hatte und es eine eigene starke Demokratiebewegung gegeben hatte - auch wenn diese letztlich keinen nachhaltigen Erfolg hatte. Zweitens hatte die Deutschen nach 13 Jahren nationalsozialistischen Faschismus eine derartige moralische Bankrotterklärung abgegeben, dass es keine Argumente mehr gab gegen einen echten demokratischen Neuanfang. Und bei dem nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki völlig danieder liegenden Japan war es mit Blick auf seine grausame Kolonialgeschichte kaum anders.

Regime-Change hat weder in Irak, noch in Libyen oder in Afghanistan funktioniert

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aber ist gepflastert von gescheiterten Versuchen, einen Regime-Change von außen zu erbomben. Die jüngere Vergangenheit ebenso. Wem der unselige Irak-Krieg nicht schon Lehre genug war, oder der Regime-Change in Libyen, der muss spätestens nach den Erfahrungen in Afghanistan sagen: Militärische Einsätze, mit denen eine Art Umerziehung hin zur Demokratie erreicht werden soll, funktionieren nicht. Schlimmer noch: Sie schaffen mehr Schaden als Nutzen. Denn das Chaos in Irak infolge der amerikanisch geführten Militär-Intervention brachte erstens keine Demokratie im Lande, es destabilisierte auch eine ganze Region, schuf mehr Leid für Millionen Menschen und löste jene Flüchtlingsbewegung mit aus, die in der Folge auch die deutsche Gesellschaft destabilisierte.

Militärische Interventionen und Besatzungen nicht immer die Lösung

Auch wenn der Anfangsimpuls immer nachvollziehbar sein mag, "Wir müssen den unterdrückten Menschen im Land x oder y doch helfen", die Erfahrung zeigt, dass sich die Geschicke durch militärische Interventionen und Besatzungen nicht zum Besseren wenden lassen. Es sollte diese Versuche der militärischen Einmischung künftig nicht mehr geben.

Einer der unsinnigsten Militäreinsätze der Geschichte

Denn auch über dem Afghanistan-Einsatz der NATO lässt sich rückblickend nur ein Fazit ziehen: Es war einer der unsinnigsten Militäreinsätze der Geschichte. Unzählige Menschen verloren ihr Leben, westliche Soldaten ebenso wie die Bürger Afghanistans. Unzählige Milliarden Dollar und Euros wurden verbrannt. Unzählige Familienangehörige verbrachten Monate und Jahre in permanenter Angst um ihre Liebsten. Und am Ende ist die Situation genauso beklemmend wie zu Beginn dieses Einsatzes. Was für eine Verschwendung von Ressourcen jeglicher Art!

Anders gegen Unrechtsregime vorgehen

Dieses Fazit bedeutet nicht, dass Deutschland, der EU oder den NATO-Mitgliedern künftig die Hände gebunden sind, dass sie auf das Recht militärischer Selbstverteidigung verzichten müssen. Oder dass sie achselzuckend hinnehmen müssen, wenn sich in anderen Ländern Unrechtsregime ausbreiten. Es gibt diverse Möglichkeiten, diplomatisch und wirtschaftlich Einfluss zu nehmen, mit Sanktionen etwa oder dem klaren moralischen Bekenntnis zu jenen Gruppen innerhalb der Gesellschaften anderer Länder, die aufbegehren, die Veränderung wollen. Oft braucht es für diese Strategie mehr Geduld, einen längeren Atem. Aber die Wahrscheinlichkeit, am Ende das zu erreichen, was einem idealerweise vorschwebt, und zwar nachhaltig, ist weitaus höher, als wenn man dem unmittelbaren Impuls nachgibt, das, was einem vorschwebt, mit militärischer Gewalt zu erzwingen.

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NDR Info | Kommentar | 22.08.2021 | 09:25 Uhr