Stand: 02.06.2020 17:00 Uhr

Kommentar: "Deutschlands Bildungssystem ist abgehängt"

In der Corona-Krise hat sich gezeigt, dass viele Schulen für digitalen Unterricht nicht gerüstet sind. Es wäre aber zu kurz gegriffen, das den Lehrkräften anzulasten, kommentiert Verena Gonsch von NDR Info.

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

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Viele Lehrer sind nicht gerüstet für Fernunterricht, meint Verena Gonsch.

Die Corona-Zeit ist der Lackmustest für den digitalen Unterricht im Norden. Und leider hat sich gezeigt: Allen Schulforschern, die seit Jahren davor warnen, dass Deutschlands Bildungssystem abgehängt ist, muss man jetzt auf ganzer Linie Recht geben: Videokonferenzen und Unterricht im Netz, das waren in den letzten Wochen eher Zufallsergebnisse besonders engagierter Lehrkräfte.

Eltern als IT-Support

Die meisten Eltern, die in dieser Zeit versucht haben, für ihre Kinder den Anschluss zu halten, können das sicherlich bestätigen. Häufig wussten weder Lehrkräfte noch Kinder, wie das geht, eine Zoom-Konferenz oder eine Stunde Mathe per Skype. Wie man sich zu Wort meldet, wie ein Projekt auf dem Bildschirm geladen werden kann, was man macht, wenn die Leitung abbricht. Wenn zu Hause noch mehrere Geschwister zu Konferenzen eingeladen werden, mutierte mancher Vater oder manche Mutter zum IT-Support.

Lehrer nicht für digitalen Unterricht ausgebildet

Dass jetzt von ermutigenden Ergebnissen gesprochen wird und von einem Aufbruch ins digitale Zeitalter, kann über den misslungenen Fernunterricht der letzten Wochen nicht hinwegtäuschen. Den Lehrkräften das anzukreiden, ist zu kurz gegriffen. Seit vier Jahren steht digitaler Unterricht überhaupt erst auf der Tagesordnung der Kultusminister, seit letztem Jahr haben sie den Auftrag, den Studierenden digitalen Unterricht an der Uni näher zu bringen. 2028 werden frühestens die ersten digital ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer an die Schulen kommen. Muss man noch mehr sagen?

Traurig ist an diesen Erfahrungen vor allem eins: Es vergrößert auf dramatische Weise die sozialen Unterschiede in Deutschland. Die Kinder und Jugendlichen ohne unterstützendes Elternhaus haben schon seit März keinen wirklichen Unterricht mehr.

Eine ganze Generation erlebt einen Bruch

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In der Krise haben sich viele Lehrkräfte überfordert gezeigt.

Bildungsabschlüsse und Lebensentscheidungen stehen auf dem Spiel und was das bedeutet, davon können Generationen in unserer Gesellschaft erzählen, die ebenfalls große Brüche erlebt haben. Die Generation der über 80-Jährigen, die im Krieg Kinder waren oder die Generation, die den Umbruch der Wende erlebt hat. Es geht dabei nicht einfach um ein paar Wochen Zwangsferien. Es geht um mehr.

Es gibt in der Bildungsszene die Faustformel: Ein Drittel der Lehrkräfte ist digital unterwegs, ein Drittel versucht es und ein Drittel traut sich erst gar nicht ran. Wenn der Crash-Kurs in diesen Wochen dazu geführt hat, dass sich diese Verhältnisse verschieben, wäre wenigstens schon etwas gewonnen. Was das alles aber auch zeigt: Der Norden muss schnellstmöglich - wie Schleswig-Holstein - zum normalen Schulunterricht zurückkehren. Der sogenannte Fernunterricht ist in diesem Land noch längst keine Alternative.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 02.06.2020 | 17:08 Uhr