Autos fahren an den Wahlplakaten von Bündnis 90/Die Grünen (l-r) mit Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, SPD mit Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und CDU mit Kanzlerkandidaten Armin Laschet vorbei. © dpa picture alliance Foto: Kay Nietfeld

Kommentar: Der Wahlkampf kann richtig schwindelig machen

Stand: 19.09.2021 06:00 Uhr

In einer Woche wird der neue Bundestag gewählt. Ein erst zäher, mittlerweile interessanter gewordener Wahlkampf endet dann. Endlich, werden manche sagen.

Autos fahren an den Wahlplakaten von Bündnis 90/Die Grünen (l-r) mit Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, SPD mit Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und CDU mit Kanzlerkandidaten Armin Laschet vorbei. © dpa picture alliance Foto: Kay Nietfeld
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Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

Na, können Sie noch? Oder klingen Ihnen eine Woche vor der Bundestagswahl bei all den Foren und Triellen schon die Ohren? Blicken Sie im Plakatwald noch durch? Wenn Sie in Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern wohnen, wäre das fast schon ein Wunder - hier wird gerade so viel gewählt, dass oft nur noch Parteimanager sagen können, wer gerade für was kandidiert. Kommunalwahl, Landtagswahl, Bundestagswahl - das Bild ist bunt und reichlich verwirrend.

Wahlkampf - Das freie Spiel der Kräfte

Hinzu kommt das seit einiger Zeit ungewohnt freie Spiel der Kräfte. Wer die bundesweiten Umfragen der letzten Monate verfolgt, kann sich fühlen wie in einer Achterbahn, die keinen Haltepunkt kennt: Rauf und runter geht die wilde Fahrt. Pausenlos. War die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock vor Monaten noch die Erfüllung mindestens großstädtischer Erlösungsfantasien wäre sie heute heilfroh, wenn es noch für den dritten Platz reichen sollte. War Olaf Scholz für seine SPD lange Zeit nicht mehr als ein Strohhalm, an den man sich bibbernd klammerte, ist seine Kandidatur mittlerweile zum Renommierprojekt geworden. Und Armin Laschet? Die CDU und ihr Spitzenmann spekulieren noch auf eine Steilkurve, die ihre rasende Talfahrt beendet. Und hoffen, dabei nicht zu entgleisen.

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoversche Allgemeine Zeitung". © Hagemann Foto: Hagemann
Die überfällige Neusortierung der politischen Landschaft sei eine Chance, meint Hendrik Brandt.

Es stimmt schon - diese Vorwahlzeit kann schwindelig machen. Wir Wählerinnen und Wähler wissen oft gar nicht so recht, sind wankelmütig und werden selbst langgehegten Überzeugungen gern mal untreu. Und möglicherweise ist hier oder da auch Verdruss zu spüren, weil Politik bei allem Bemühen immer noch zu selten auf Wirklichkeit trifft. Aber ist das nicht alles viel besser als das, was wir lange Zeit erlebt haben? Ist es eigentlich ein Problem, dass es im politischen Leben derzeit unruhiger und auch aufregender zugeht als bisher? Ach wo. Im Gegenteil: Angesichts all dessen, was da an Entscheidungen zur weltweiten Klimakrise, zur Überalterung der Gesellschaft oder dem Leben im digitalen Zeitalter vor uns liegt, kann die Aufregung eigentlich gar nicht groß genug sein. Es geht derzeit um viel - manche sagen schon: um alles. Naja.

Deutschland wird seine Hausaufgaben machen müssen

Klar ist: Wir Menschen werden uns viel einfallen lassen müssen, um ein anständiges Leben auf dem Planeten unter den sich verändernden Bedingungen zu organisieren. Und Deutschland wird da erstens seine Hausaufgaben machen und zweitens einen Beitrag für andere leisten müssen. Hier geht es übrigens nicht nur um moralische, sondern auch um simple materielle Fragen. Dieses Land mitten in Europa kann nicht nur auf sich selbst sehen - auch wenn das auf Rechtsaußen immer wieder behauptet wird. Schon deshalb ist in unserer mächtig saturierten Gesellschaft jetzt viel neu auszuhandeln und zu organisieren. Wie wollen wir uns denn nun künftig ernähren? Wie wollen wir fahren und lernen? Woher kommt die Energie? Welchen Preis zahlen wir für sie? Was ist gute Arbeit? Und: Wie können wir alle gut und verträglich von ihr leben?

Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler, im Studio bei einer Fernsehsendung. © dpa picture alliance/SVEN SIMON Foto: Malte Ossowski
AUDIO: Politikwissenschaftler von Lucke: Laschet wird noch einmal attackieren (6 Min)

Kanzler-Rummel sollte nicht blenden

Da ist zu tun. In der Summe vielleicht so viel wie seit Jahrzehnten nicht. So gesehen ist es schon in Ordnung, wenn es bei der Suche nach dem richtigen Weg jetzt zunächst politisch unübersichtlich wird. Der ganze Kanzler-Rummel sollte da nicht blenden: Die Unterschiede zwischen den Parteien - und wenn man so will: Lagern - sind größer als es die beliebte Frage nach dem Spitzenmann oder der Spitzenfrau zu zeigen vorgibt. Steuern, Schulden, Mindestlohn, Wohnungsbau, Hartz IV, Verteidigung auch - schon ein erster Blick zeigt, dass die Liste der oft sehr gegensätzlichen Positionen lang ist.

Lassen wir uns darauf ein. Halten wir es aus, dass manche Versprechung dieser Tage so leicht zu durchschauen ist. Ja, es wird nicht alles so glatt gehen, wie es jetzt von Rednerpulten und in den schicken Wahlarenen klingt. Die Grünen werden alltagsgrauer, die Union muss nach der Wahl klären, wer oder was sie auf Sicht sein will. Die SPD wird herausfinden müssen, ob man wirklich in der Mitte fahren kann, wenn man beständig links blinkt. Und vielleicht wird sogar die FDP wieder zum Regieren gebraucht; mal sehen, ob es ihr diesmal ins Konzept passt.

So oder so: Die anstehende und auch überfällige Neusortierung der politischen Landschaft - womöglich mit einer Reihe von 20-Prozent-Parteien - ist eine Chance. Ob die Politik sie im neuen, viel zu großen Bundestag ergreift ist offen. Es kann sogar sein, dass es nach dieser Wahl zunächst gar keine dauerhaft haltbare Regierung geben wird. Sei es drum. Das Land und die Demokratie halten das noch gut aus. Fast alles ist besser als irgendwie "weiter so". Die Achterbahnfahrt wird erst enden, wenn neu definiert ist, wohin die Reise letztlich geht. Nächster Zwischenhalt: heute in einer Woche. Sind Sie dabei? 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 19.09.2021 | 09:25 Uhr