Eine FFP2-Maske liegt auf der Wiese vor dem Deutschen Bundestag. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Kira Hofmann

Corona-Kommentar: Gnädiges Vergessen wird es nicht geben

Stand: 30.04.2021 16:19 Uhr

Die Corona-Pandemie ist inzwischen eine schwere Belastung für wirklich alle. Schriller Widerstand gegen die Anti-Corona-Maßnahmen kommt plötzlich aus Ecken, aus denen man ihn nicht vermutet hätte. Die derzeitige Debatte um die Aufhebung der Impfpriorisierung soll Hoffnung auf baldige Erleichterungen machen.

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke, Freier Autor

Wenn die verunglückte Videoaktion des halben Hunderts an Schauspielerinnen und Schauspielern am Ende doch für etwas gut war, dann vielleicht für den schlagenden Beweis, dass nach mehr als einem Jahr Pandemie die Langmut auch bei im Prinzip Vernunftbegabten allmählich von Wut und Besinnungslosigkeit verdrängt wird.

Christoph Schwennicke (Archivbild vom 18.12.2013) © Will Media Foto: Wolfgang Borrs
"Hierzulande ging es an allen entscheidenden Ecken schief", resümiert Christoph Schwennicke die Corona-Politik.

Dieses Virus, diese Seuche und die Maßnahmen gegen sie sind eine kollektive Belastung für ein durch und durch soziales Wesen wie den Menschen. Sie werden buchstäblich zunehmend verrückt dabei, keinen oder nur noch wenig Kontakt zu haben. Kürzlich war ich auf einer kleinen Skitour im Allgäu und habe hinterher mit Maske und zum Mitnehmen ein Bier getrunken an der Talstation an der sonst Hüttenbetrieb herrscht. Die einander wildfremden Skitourengeher und Motorradfahrer und Spaziergänger, die sich auf den vereinzelten Bänken mit ihrem Bier oder ihrer Bockwurst in der Sonne niederließen, fielen kommunikativ förmlich übereinander her wie in der berühmten Marktplatzszene aus Patrick Süskinds "Parfüm".

Doppelte Last zu tragen

Das politische Handling der Regierenden kommt aber hierzulande auf die Last der Seuche noch oben drauf. Ja, es stimmt: Inseln und Diktaturen tun sich naturgemäß leichter als Demokratien im Umgang mit so einer Situation. Deshalb konnte man bei etwas Wohlwollen auch genau verstehen, was Angela Merkel mit ihrem gerne denunzierten Wort von der Zumutung meinte. Für ein grundsätzlich freiheitliches Gemeinwesen ist das als Dauerzustand über mehr als ein Jahr mehr als nur eine Zumutung.

Aber auch als Demokratie konnte man sich nachweislich besser schlagen als Deutschland in diesen Monaten der Pandemie. Der britische Premier Boris Johnson mag in völliger Verkennung der Lage zu Beginn der Pandemie Hände von Corona-Kranken in Krankenhäusern geschüttelt haben. Aber dann, selbst dem Virustod knapp entkommen, hat er sein Land ungleich erfolgreicher durch die Zeit geführt als die deutsche Bundeskanzlerin. Selbst der viel und oft zu Recht geschmähte Ex-US-Präsident Donald Trump hatte sein Land impffest an seinen Nachfolger übergeben.

Hierzulande ging es im Grunde an allen entscheidenden Ecken schief. Nie passte Reden und Handeln so richtig zusammen. Zu Beginn redete die Regierung die Bedeutung von Masken klein und stellte ihren Nutzen infrage. Wie sich bald herausstellte, weil nicht genügend für einen flächendeckenden Einsatz vorhanden waren. Inzwischen kann man sich seine hellblauen einfachen Masken wahlweise an den Hut stecken oder an den Nagel hängen, weil Zutritt überall nur noch mit FFP-2-Masken möglich ist. Von den hübschen und teilweise teuren Stoffmasken passend zum Oberteil ganz zu schweigen.

Versprechen wurden nicht eingelöst

Dann wurde das Impfen als Peripetie ausgerufen, als entscheidender Wendepunkt. Leider wurde über dieses Versprechen versäumt, den notwendigen Impfstoff in ausreichendem Maße zu besorgen, weshalb der impfwillige Teil der Bevölkerung, also fast ganz Deutschland, nur anerkennend bis neidisch in andere Länder schielen konnte. Der gleiche Fehler, eine Kluft klaffen zu lassen zwischen Reden und Handeln, unterlief der Regierung dann noch einmal beim Testen. Gesundheitsminister Jens Spahn konnte seine Versprechen nie einlösen.

Und wer glaubt, dass eine bundesweite Regelung nun mehr Einheitlichkeit in die Maßnahmen zwischen Berchtesgaden und Kap Arkona bringt, sieht sich ebenfalls umgehend getäuscht. Keine 24 Stunden nach Inkrafttreten des geänderten Infektionsschutzgesetzes schert Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern, schon wieder aus und brät eine Extrawurst. Ausgerechnet er, der am lautesten gefordert hatte, dass es ein Ende haben muss mit dem Durcheinander an regionalen Maßnahmen.

Und nur der Vollständigkeit halber: Nicht nur der notorische Söder redet heute so und morgen so. Auch der Schlüsselfigur, die von sich behauptet, alles immer schön vom Ende her zu denken, lässt sich massive Sprunghaftigkeit nachweisen. Vor einem Jahr noch hatte Angela Merkel jede Änderung am Föderalismus in Zeiten von Corona zurückgewiesen. Also genau das, was sie jetzt doch gemacht hat.

Keiner wartet mehr auf die Große Koalition

Inzwischen finden die Impfgipfel im Kanzleramt zwar noch statt, und das Erste sendet weiter Brennpunkte nach der Tagesschau darüber. Aber das Publikum hat sich schon weitgehend abgewandt. Mehr noch: Vielerorts nehmen die Leute die Sache jetzt selbst in die Hand. Hausärzte verimpfen auch die Reste, in den Ampullen, was offiziell nicht vorgesehen ist. Und die großen Firmen bringen ihre Betriebsärzte in Stellung, um die Belegschaften zu pieksen.

Im Kopf echot dazu ein schöner alter Song. Wie hat Wolfgang Niedecken mit seinen Leuten von BAP im desillusionierten Klassiker "Helfe kann dir Keener" über Politik im Allgemeinen gesungen, hier in der Nichtdialektversion: "Helfen kann Dir keiner, sie erzählen dir nur Seiber, von wegen: Warten’s ab, dann wird alles wieder gut."

Auf die Große Koalition wartet nach einem guten Jahr Corona kaum einer mehr. Corona hat sie vor aller Augen blamiert. Bisher haben die Regierenden darauf gehofft, dass der Sommer mit seiner Öffnung und seinen Biergärten und der Rückkehr zum normalen Leben gnädiges Vergessen bringen wird. Diese Hoffnung wird sich bei der Bundestagswahl im September als unbegründet erweisen. Diese schwache Performance wird da nicht vergessen sein. Biergarten hin, Open-Air-Konzert her.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen
Zwei Mitarbeitende eines Sicherheitsdienstes gehen am Abend des 1. April 2021 durch Hannovers Innenstadt. © Picture Alliance Foto: Moritz Frankenberg

Coronavirus-Blog: Karlsruhe lehnt Eilanträge gegen Ausgangssperre ab

Der Gesetzgeber verfolge damit das Ziel, Leben und Gesundheit zu schützen, so das Bundesverfassungsgericht. Mehr Corona-News im Blog. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 02.05.2021 | 09:25 Uhr