Stand: 08.03.2020 00:00 Uhr

Das Coronavirus und die Abhängigkeit von China

Der Ausbruch und die rasante Verbreitung des Corona-Virus haben eines vor allem sehr deutlich gemacht: Die Beziehungen zu China sind eng wie nie, und die Abhängigkeit von China ist groß wie nie.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoversche Allgemeine Zeitung". © Hagemann Foto: Hagemann
Wenn also der ganze Corona-Aufschrei für irgendetwas gut ist, dann dies: Er macht schmerzhaft klar, wo wir stehen in der Welt, meint Hendrik Brandt.

Guten Morgen - haben Sie sich schon die Hände gewaschen? So richtig mit Seife? Oder konnten Sie mit einem Desinfektionsmittel nachhelfen? Dann seien Sie froh. Denn es gibt gerade nicht mehr so viel davon. Genauso wie es an Gesichtsmasken oder Schutzkleidung für Ärztinnen und Ärzte fehlt. Und all das in diesen Corona-Zeiten, in denen der Weg zwischen Aufregung und Normalität für manchen zur Schlangenlinie wird. Was ist da los?

Unser Alltag hängt von China ab

Die Antwort ist schlicht. Vieles von dem, was bei uns jetzt schon einmal fehlt, produziert auf unserem Kontinent schon lange kein Mensch mehr. Es kommt aus China. Die Entwicklung ist nicht wirklich neu, tritt in diesen pandemischen Zeiten aber überdeutlich zu Tage: Unsere Wirtschaft - und mit ihr längst auch unser Alltag - hängen in einem unglaublichen Maß von der Volksrepublik im Fernen Osten ab. Und neuerdings offenbar sogar von der Gesundheit ihrer Bevölkerung in einer Unterprovinzstadt namens Wuhan.

Vielleicht wird die Corona-Zeit in der Rückschau irgendwann eine Art Wendepunkt unseres Verhältnisses zu den Chinesen markieren. Mit dem Virus ist eine Botschaft aus dem Fernen Osten angekommen: Unser alltägliches Leben ist nicht mehr nur irgendwie globalisiert - wir haben es zu Teilen gar nicht mehr in der Hand.

China als wirtschaftlicher Riese

Das kann nach allem, was sich derzeit sagen lässt, rasch noch sehr viel deutlicher werden. Nicht nur die Lieferketten der Automobilindustrie werden gedehnt oder reißen - weitere internationale Warenbeziehungen stehen aktuell zur Disposition. Da mögen ein paar Lücken in den Eletronikmärkten noch am ehesten zu verschmerzen sein. Aber dass im Gesundheitssystem elementare Dinge fehlen und den Apotheken Krebsmedikamente zur Bückware werden - das ist nicht hinzunehmen.

Wie ist es so weit gekommen? Die Chinesen können wenig dafür. Sie haben sich nicht aufgedrängt - sie waren nur unendlich fleißig, leidensfähig und günstig. Ihr Land hat sich wirtschaftlich binnen zweier Generationen von einem relativen Zwerg zum Riesen gewandelt. Nirgendwo waren die Wachstumsvolumina größer, nirgendwo die Bedenken geringer. Und die Rücksichten auch. Wenn wir etwa darüber staunen, dass es möglich war, in Wuhan binnen Wochen zwei Krankenhäuser zu bauen, übersehen wir dabei schnell, warum das nötig war: Es gab kaum welche. Und es wäre übertrieben, wenn man behaupten würde, dass solche und weit schlimmere Zustände irgendein Unternehmen hierzulande davon abgehalten hätte, in China produzieren zu lassen oder andere Kooperationen einzugehen.

Billig-Produktion hat einen hohen Preis

Im Gegenteil: Die Aussicht, 1,4 Milliarden Menschen auf ihrem Weg zu unserem Wohlstandsniveau etwas verkaufen zu können, hat nicht wenige ge- und verblendet. Man sieht halt nicht so genau hin, will nicht wissen, dass das Land einer der härtesten Diktaturen des Planeten ist, dass Minderheiten dort kein Leben haben und Bürger nur so lange unbehelligt bleiben, wie sie sich lückenlos überwachen lassen - am besten durch eines der fast flächendeckend vorhandenen Smartphones im Land. "Digitalen Leninismus" nennt Theo Sommer das - und die Zustände sind damit noch freundlich beschrieben.

Ja, wer so lebt, kann unsere Produkte günstiger produzieren. Und kann den Spieß mit seinen immer besseren Eigenmarken vielleicht bald auch umdrehen. Da geht es dann nicht mehr um billige Schutzanzüge oder billige Allerweltsartikel, sondern ums Eingemachte: Die Diskussion um die Beteiligung des Mobilfunkausstatters Huawei am Bau des 5G-Netzes überall in der Welt zeigt das überdeutlich.

Es ist mal wieder Zeit für einen Ruck, oder?

Und was hilft da jetzt? Natürlich fließt Wasser nicht bergauf und Investitionskapital immer dahin, wo es mit Rendite wieder herauszuholen ist. Wenn das aber stimmt und die Abhängigkeit von China zugleich erkennbar zu groß wird - dann bleibt doch wohl nur, endlich mal wieder auf uns selbst zu gucken. Auf Europa beispielsweise. Wie überwinden wir unsere offenkundige Langsamkeit der Freizeitgesellschaft und ihre machtvolle Bequemlichkeit? Wie schaffen wir es, den nur noch knappen Vorsprung bei Innovationen und Kreativität wieder zu vergrößern? Wollen wir beispielsweise in Deutschland wirklich an dem völlig wirren 16-Länder-Bildungssystem festhalten? Und an Firmen wie Behörden, die noch immer agieren, als könnte ihnen niemand? Es ist mal wieder Zeit für einen Ruck, oder?

Ironischerweise könnte uns in Europa bei alledem noch einmal ein Blick nach China helfen. Das Land war Ende des 18. Jahrhunderts schon einmal eine globale Handelsmacht. Seine Kaiser waren mächtig, stolz und sehr sicher, auf dem Höhepunkt der Geschichte angekommen zu sein. Irgendwann lag es außerhalb ihrer Vorstellungswelt, dass jenseits ihres Reiches noch irgendein Fortschritt denkbar sei. So verpasste das Land fast die gesamte Industrialisierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - und musste sich sehr viel weiter hinten wieder einreihen.

Wenn also der ganze Corona-Aufschrei für irgendetwas gut ist, dann dies: Er macht schmerzhaft klar, wo wir stehen in der Welt. Und dass es an der Zeit ist, manche Prioritäten einmal mehr zu überdenken. Das im globalem Maßstab einmalig gute Leben hierzulande hat einen Preis - vielleicht müssen wir ihn von jetzt an wieder öfter selbst zahlen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 08.03.2020 | 09:25 Uhr