Ein Corona-Schnelltest mit Ergebis "positiv" liegt auf einer Maske. © picture alliance/CHROMORANGE Foto: Christian Ohde

Kommentar: Corona auf dem Weg in die Normalität

Stand: 18.07.2021 08:30 Uhr

Auch wenn bundesweit die Corona-Inzidenz wieder steigt, die Inzidenz als einziger Gradmesser für die Schwere der Pandemie soll durch den Begriff der Hospitalisierung erweitert werden, also durch die Zahl der Corona-bedingten Krankenhaus-Einweisungen.

Ein Kommentar von Stephan Richter, freier Autor

Es wäre zu schön, um wahr zu sein: Einfach nicht mehr auf die täglichen Infektionszahlen schauen, und schon ist Corona nur noch halb so schlimm. Wer die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz schon immer für einen Vorwand der Politik gehalten hat, um Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus bis hin zum Lockdown zu begründen, wird sich über das aktuelle Umdenken in Berlin freuen. Gesundheitsminister Jens Spahn will die Zahl von Corona-Neuinfektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche nicht länger zum alleinigen Maßstab des Handelns machen. Andere Gradmesser wie die sogenannte Hospitalisierung - also die Zahl der Corona-Patienten, die in Krankenhäusern behandelt werden müssen - sollen hinzukommen.

Wie das Kaninchen auf die Schlange

Stephan Richter, freier Autor, ehemals Chefredaktion Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag sh:z. © sh:z Foto: Marcus Dewanger
Man müsse breiter auf das Infektionsgeschehen schauen, meint Stephan Richter.

Der Schritt ist schon deshalb richtig, weil sich mit den Fortschritten beim Impfen die Hoffnung verbindet, dass es bei einer neuen Corona-Welle weniger schwere Krankheitsverläufe gibt. Ein Blick nach Großbritannien zeigt bislang jedenfalls, dass dort das Gesundheitssystem trotz einer neuen Infektionsdynamik weniger belastet ist als vor Beginn der Impfungen.

Das Abrücken vom Inzidenzwert als alleinige Richtschnur politischer Entscheidungen leitet eine neue Phase ein. Der erweiterte Blick auf das Corona-Geschehen ist ein Signal, nicht länger nur auf die Infektionszahlen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Wer sich vor Unwetter schützen will, beobachtet schließlich auch nicht nur Niederschlagsmengen.

Umfassende Folgenabschätzung betreiben

Das Coronavirus wird nicht mehr völlig verschwinden. Mit den Gefahren leben zu lernen heißt, breiter auf das Infektionsgeschehen zu schauen und eine umfassende Folgenabschätzung aller Maßnahmen zu betreiben. Die Gesundheit der Bevölkerung entscheidet sich nicht nur an der Sieben-Tage-Inzidenz. Auch geschlossene Kindergärten und Schulen, Ausgangsverbote oder ein Lockdown der Wirtschaft können krank machen.

Das heißt keineswegs, die Gefahr durch das Coronavirus, das mit der Delta-Variante zunehmend auch jüngere Menschen heimsucht, auf eine leichtere Schulter zu nehmen. Mit der Ignoranz von Daten ist niemandem geholfen. Welche Folgen ein allzu sorgloser Umgang mit der Pandemie haben kann, hat sich am Ende der Urlaubszeit im vergangenen Jahr gezeigt. Die Quittung war eine neue Corona-Welle mit Tausenden von Toten. Von den Langzeitfolgen, mit denen Erkrankte zu kämpfen haben, ganz zu schweigen.

Trotzdem muss breiter auf das Infektionsgeschehen geschaut werden - gerade weil viele Fragen zur Ausbreitung des Virus oder zur Covid-19-Erkrankung unbeantwortet sind. Wie lange hält die Immunisierung nach einer vollständigen Impfung an - und wie wirkt sie gegen neue Varianten? Auch das ist noch ungeklärt. Von den Auswirkungen, die harte Corona-Maßnahmen zum Beispiel für junge Menschen haben, die monatelang nicht in die Schule dürfen, ganz zu schweigen.

Einfache Lösungen gibt es nicht

Der Umgang mit Corona wird nicht besser, wenn die tägliche Meldung von der Zahl Neuinfizierter aus den Medien verschwindet. Doch der Kampf gegen das Virus muss auch nicht schlechter werden, wenn die Aussagekraft der Sieben-Tage-Inzidenz relativiert wird. Einfache Lösungen gibt es auch hier nicht - es sei denn, man schafft wie der britische Premierminister Boris Johnson kurzerhand alle Corona-Regeln ab. Das aber ist ein Spiel mit dem Feuer.

Eine verantwortungsvolle Corona-Politik setzt dagegen auf ein immer breiteres Spektrum an Frühwarnindikatoren. Den Anstieg der Infektionszahlen am Anfang der Pandemie zur Handlungsprämisse zu machen, war richtig. Doch nun ist mehr Flexibilität und Kreativität gefragt statt des bislang praktizierten Automatismus. Das gilt auch mit Blick auf die längst nicht ausgereizte nationale Teststrategie.

Und die Bürgerinnen und Bürger? Auch sie sind gefordert. Wer sich nur hinter staatlichen Corona-Anordnungen verschanzt, wird der Eigenverantwortung nicht gerecht. Diese beginnt bei der Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln ganz unabhängig davon, wie hoch die Sieben-Tage-Inzidenz ist. Und sie endet beim Impfen. Hier geht es nicht um gesetzliche Vorgaben, sondern um eine moralische Pflicht.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 18.07.2021 | 09:25 Uhr