Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht während einer Generaldebatte zum Bundeshaushalt im Bundestag, wobei sich ihr Bild auf einer Scheibe spiegelt.  Foto: Christoph Soeder

Kommentar: Angela Merkel bittet eindrucksvoll um Vertrauen

Stand: 09.12.2020 16:01 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat im Bundestag dazu aufgerufen, für die Pandemie-Bekämpfung die persönlichen Kontakte weiter einzuschränken.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Wenn es irgendwann gilt, Bilanz zu ziehen dieser letzten Amtsperiode der Bundeskanzlerin und ihrer Corona-Politik, dann wird man sich an diese Rede erinnern. Auf der Hochebene der zweiten Infektionswelle appelliert Angela Merkel an die Vernunft und fleht fast um Vertrauen in die Wissenschaft, die zu härteren Kontaktbeschränkungen rät.

Die Bundeskanzlerin, die sonst so selten persönlich wird bei ihren öffentlichen Auftritten, unterlegt ihren Aufruf mit einem privaten Bekenntnis: Sie habe sich als junge Frau für ein Physikstudium entschieden, weil selbst ein totalitärer Staat wie damals die DDR die Naturgesetze nicht aufheben konnte. Ja, Wissenschaft kann sich auch irren, kann neue, bessere Erkenntnisse gewinnen, aber wir sollten ihr vertrauen, sagte Merkel, denn wir haben keine bessere Basis für unsere Entscheidungen als die Vernunft.

Adressaten waren auch die Länder-Chefinnen und -Chefs

Lothar Lenz, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin. © ARD Hauptstadtstudio Foto: Jens Jeske
Lothar Lenz meint, dass man sich an diese eindrucksvolle Rede der Kanzlerin noch lange erinnern wird.

Es war aber nicht nur die Naturwissenschaftlerin Angela Merkel, die in der Generaldebatte eine bemerkenswerte Rede hielt, sondern auch die Realpolitikerin. Ihr Aufruf, die Infektionszahlen wirksam zu senken, war sicher auch an die Runde der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten gerichtet, die sich mal mit Lockerungs-, mal mit Verschärfungsrhetorik gegenseitig zu überbieten scheinen.

Appell hatte ökonomische und fiskalische Dimension

Seuchenschutz ist Ländersache. Der Bund kann also nur den Rahmen setzen und - bislang zumindest - das Allermeiste von dem bezahlen, was gegen die Pandemie unternommen wird. Und das ist eine ganze Menge. Deswegen hatte der dringende Appell der Kanzlerin auch eine ökonomische und eine fiskalische Dimension: Länger als vielleicht noch ein paar Monate kann auch die stabilste Wirtschaft nicht am Tropf staatlicher Ausgleichszahlungen überleben, und die Mega-Schulden dieses und des nächsten Jahres müssen eine Ausnahme bleiben - schwer genug abzutragen sind sie ohnehin.

Die Einzelinteressen sind berechtigt, aber ...

Es stand aber in der Generaldebatte auch eine Bundeskanzlerin am Rednerpult, die uns als Christin gut zwei Wochen vor Weihnachten an eine Grundlage des Menschseins erinnerte: Solidarität. Können wir wirklich immer höhere Patientenzahlen auf den Intensivstationen in Kauf nehmen, können wir hinwegsehen über täglich 400 oder 500 Corona-Tote, nur um Glühweinstände und Waffelbäckereien offen zu halten? Das klingt in dieser Zuspitzung makaber - und trotzdem beschrieb Angela Merkel das Dilemma der Pandemie-Bekämpfung. Die Rücksicht auf viele berechtigte Einzelinteressen darf den Blick auf das große Ganze nicht verstellen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 09.12.2020 | 17:08 Uhr