Stand: 15.06.2020 16:52 Uhr

Kommentar: Virus stoppt nicht an Grenzen

Nun sind viele Grenzen innerhalb der EU wieder offen. Aber jedes Land hat seine eigenen Regeln. Ob die geschlossenen Grenzen im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus wirklich geholfen haben, darf man bezweifeln, meint unser Brüssel-Korrespondent Holger Beckmann in seinem Kommentar.

Ein Kommentar von Holger Beckmann, ARD Brüssel

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Das Coronavirus lässt sich nicht durch Grenzschließungen aufhalten, kommentiert Holger Beckmann.

Um eins gleich vorweg zu sagen: Die grenzenlose Reisefreiheit in Europa ist mit dem heutigen Tag noch nicht vollständig wieder hergestellt. Und ob sie es bis zum Anfang des nächsten Monats sein wird, das ist keineswegs sicher. Da reicht ein schneller Blick zum benachbarten Dänemark. Zwar öffnen auch die Dänen behutsam ihre Grenzübergänge, aber längst nicht für alle und schon gar nicht unkontrolliert. Ausweis zeigen, Ferienbuchung vorlegen - das müssen die meisten, sonst ist die Einreise untersagt, außer Menschen aus Schleswig-Holstein, immerhin. Schließlich ist es auf den Tag 100 Jahre her, dass die Region Nordschleswig von Deutschland wieder an Dänemark übergegangen ist. Eine wirklich offene Grenze wäre da das schönere Symbol gewesen.

Jeder Staat macht, was er will

Nach wie vor gilt in ganz Europa und im eigentlich doch grenzenlosen Schengen-Raum: Hier macht jeder Staat, was er will. Grenzen schließen, Grenzen wieder öffnen, manche rein lassen, andere nicht, Kontrollen oder keine Kontrollen. Und alles ganz und gar unkoordiniert durch Brüssel, sodass jede und jeder sich vor einer Reise genau darüber informieren muss, welche Regeln wo genau eigentlich gelten.

Das Böse kommt bekanntlich immer von außen

Die Corona-Krise ist der verstörende Beweis dafür, dass es im Zweifel mit den offenen Schlagbäumen nicht weit her ist. Dabei überträgt sich das Virus von Mensch zu Mensch und nicht von Grenze zu Grenze. Aber bei einer Bedrohung scheint es beinahe ein reflexartiges Verhalten zu sein, schnell zu schließen - das Böse kommt bekanntlich immer von außen.

Das hat zwar mit vernünftigem Handeln nichts zu tun, macht aber eine Menge Eindruck. Zumindest scheint es das Kalkül jener Politiker zu sein, die damit ganz schnell bei der Sache sind. Die gute Nachricht ist: Jetzt öffnen sie die Grenzen wieder - nach und nach und jeder auf seine Weise. Sie werden sie allerdings auch wieder schließen, wenn Corona sich irgendwo auf der anderen Seite einer Grenze wieder stärker ausbreitet. Egal, ob sie damit ein mühsam und in vielen Jahrzehnten gewachsenes Vertrauen in den Grenzregionen zerstören und alte Feindschaften neu beleben.

Flieger nicht bis auf den letzten Platz füllen

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Nach wochenlanger Corona-Pause ist am Montag erstmals wieder eine Maschine mit Urlaubern aus Deutschland auf Mallorca gelandet.

Deshalb sollten sie das nicht tun. Sondern stattdessen überlegen, wie sich das Virus besser unter Kontrolle halten lässt. Vielleicht würden sie dann ja auch darauf kommen, dass es möglicherweise nicht so klug ist, Ferienflieger wieder bis zum letzten Platz gefüllt Richtung Palma oder sonst wohin starten zu lassen. Denn offene Grenzen sind wichtig, damit die Menschen in Europa zusammenhalten und zusammenkommen. Aber: Sie sind keine Einladung, in Corona-Zeiten wieder drauflos zu reisen, als wäre nichts gewesen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 15.06.2020 | 17:08 Uhr