Stand: 07.01.2019 14:16 Uhr

Habecks Social-Media-Ausstieg ist falsch

Grünen-Chef Robert Habeck steigt bei Twitter aus - als Konsequenz aus seinem verunglückten Video zum Thüringen-Wahlkampf. Mit diesem Schritt mache er den nächsten, noch größeren Fehler.

Ein Kommentar von Joachim Wendler, Studioleiter des BR-Hörfunks im ARD-Hauptstadtstudio

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Bei missglückten Tweets oder Posts ist nie das Medium das Problem, meint Joachim Wendler in seinem Kommentar.

Wenn Sie in den dritten Stock wollen, im Aufzug aber aus Versehen die Taste mit der 5 drücken - ist dann der Aufzug schuld? Entscheiden Sie dann: Nie mehr im Leben Aufzug!? Eben. Genau so macht es jetzt aber Robert Habeck. "Bye bye, Twitter", schreibt der Grünen-Chef. Er zieht aus einem Fehler eine fehlerhafte Konsequenz. Habeck hat in seinem Thüringen-Video an einer Stelle Unsinn erzählt. Das Video wurde auf Twitter hochgeladen. Aber Twitter ist doch nicht das Problem. Das Medium ist nie das Problem.

Ist es wahr, ist es gut und ist es notwendig?

Das Problem ist, dass der Doktor der Philosophie Robert Habeck seinen Sokrates nicht kennt. Nämlich die Anekdote von den drei Sieben: Ein Bekannter kommt zu Sokrates und will über einen Freund lästern. Sokrates stellt drei Fragen: Ob es denn wahr sei, ob es gut sei und notwendig? Kein einzige dieser Fragen kann der Bekannte bejahen. Deshalb verbittet sich Sokrates den Tratsch. Der Philosoph Sokrates wendet seinen Filter offenbar auf jede Form der Kommunikation an, sogar auf das kleine Zwiegespräch.

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Habeck hätte fragen müssen: Ist die Videoaussage wahr?

Der Philosoph Robert Habeck dagegen hat nicht nur mit einem Bekannten gesprochen, sondern zu Tausenden Twitter-Nutzern. Er hätte sich oder sein Team fragen müssen: Sind die 40 Sekunden dieses Videos denn auch wahr? Das hat er nicht getan. Genau wie im Oktober, vor der Bayern-Wahl: Da hatte Habeck getwittert, endlich gebe es wieder Demokratie in Bayern. Genau so ein Unsinn wie jetzt in Thüringen. Aber auch damals war nicht Twitter das Problem.

Twitter-Inhalte vor dem Senden überprüfen

Wenn Habeck jetzt Twitter "bye bye" sagt, dürfte er auch keine Live-Interviews mehr geben und nirgends mehr frei reden. Denn diese Kommunikationsformen sind anspruchsvoller als Twitter, weil schneller, spontaner, direkter. Bei Twitter kann jeder seinen Text oder sein Video bequem noch mal prüfen, bevor er sendet.

Habecks Ausstieg aus Twitter ist falsch

Dass Habeck aus Twitter aussteigt, ist feige und falsch. Es gibt zu viele Politiker, die viel größeren Schwachsinn twittern als der Grünen-Chef, Zeug, das nicht nur unwahr ist, sondern auch in den anderen Sokrates-Sieben hängen bleiben sollte. Und diese Politiker twittern ihr Zeug nicht aus Versehen. Ihnen sollte Habeck die sozialen Medien nicht überlassen. Er sollte nur seine Videos und Texte vorher noch mal anschauen.

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NDR Info | Kommentar | 07.01.2019 | 17:08 Uhr