Die fast menschenleere Einkaufsstraße in der Schweriner Altstadt. © dpa Foto: Jens Büttner

Ein Jahr Corona: Die Hoffnung muss wieder Atem bekommen

Stand: 14.02.2021 00:00 Uhr

Der Lockdown wegen Corona ist bis März verlängert, die Perspektive bleibt angesichts der Pandemie-Gefahr auch nach dem Corona-Gipfel unklar. Ein Jahr leben wir bereits mit Corona und die Gefahren für die Gesellschaft wachsen.

Ein Kommentar von Heribert Prantl, Autor und Kolumnist der "Süddeutschen Zeitung"

Es wird noch einmal verlängert. Es wird auch ein wenig gelockert. Aber ein echter Ausweg aus der Krise ist nicht sichtbar. Modellrechnungen der Virologen und der Epidemiologen zeigen immer neue Gefahren. Diese Gefahren sind real, aber die Modellrechnungen, von denen die Kanzlerin so beeindruckt ist, bilden das Leben nicht ab. Das Leben findet nicht in Modellrechnungen statt, es findet im Leben statt. Und zu den unglaublich wichtigen Lebensorten gehören, zum Beispiel, die Kitas, die Kindergärten und die Grundschulen. Dort ist der gemeinsame Raum, in dem die Kinder miteinander und voneinander lernen. Dieser gemeinsame Raum ist der wichtigste aller Pädagogen.

Frustrationstoleranz wird auf harte Probe gestellt

Der Journalist Heribert Prantl © Jürgen Bauer Foto: Jürgen Bauer
Die Gesellschaft braucht in und nach der Pandemie mehr als Gesundheit, meint Heribert Prantl.

Aber die Kanzlerin ist keine Pädagogin und sie glaubt den Virologen mehr als den Pädagogen; sie hätte am liebsten die Schulen, die Kindergärten und Kitas noch ein paar Wochen geschlossen gehalten. Auch wenn sie nun in den meisten Bundesländern bereits in einer Woche wieder geöffnet werden, der weitere Lockdown fast des gesamten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens stellt die Frustrationstoleranz der Menschen auf eine harte Probe. Gewiss: Es gibt die berechtigte Sorge wegen der Mutationen des Virus. Aber es gibt auch die berechtigte Sorge, dass die Demokratie der Freiheitsbeschränkungen wegen auf bedenkliche Weise mutiert.

Corona stellt die Welt und das Grundgesetz auf den Kopf

Bis Corona war es so, dass nicht die Freiheit sich rechtfertigen musste, sondern ihre Beschränkung und Begrenzung. Heute ist es umgekehrt. Corona hat die Welt und das Grundgesetz auf den Kopf gestellt. Die Sehnsucht nach einem Aufatmen ist gewaltig groß. "I can't breathe" skandierten die Menschen, die nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd auf die Straßen strömten und protestierten. "Ich kann nicht atmen!"

Dieser Ausruf hat viele Menschen wohl auch deshalb so besonders berührt, weil er mehr sagte als das, was er in dem Moment sagte. George Floyd erstickte unter dem Knie eines Polizisten, aber in der Pandemie haben viele Menschen generell das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen unter der Glocke von Angst und Corona. Die Gesellschaft braucht in und nach der Pandemie mehr als Gesundheit. Sie braucht Heilung.

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit

"Bleiben Sie gesund!", rufen wir uns gern zu. Was ist eigentlich Gesundheit? Ist Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit? Oder die Immunität gegen sie? So ein aseptisches Verständnis von Gesundheit kann krankmachen, es kann das Leiden derer vergrößern, die nicht geheilt werden können. Gesund ist es, auch mit einer Krankheit leben zu können, eventuell sogar aus ihr Kraft zur Lebensveränderung zu gewinnen. Das meine ich nicht als wohlfeilen Ratgeberspruch.

Das bedeutet nicht, dass man dem Virus, der Krebszelle oder dem Unfall einen esoterischen Sinn oder eine höhere Weihe verleiht. Virus, Krebs oder Unfall sind an sich keine Chance, sie sind kein hintersinniger Fingerzeig, sie sind keine moralische Aufgabe. Eine Krankheit beeinträchtigt das Leben, eine tödliche Krankheit setzt dem Leben ein Ende. Schmerzen tun weh und machen keinen Helden oder besseren Menschen aus dem Geplagten.

Gesunder Optimismus ist notwendig

Aber es ist eine Illusion, Krankheit und Schmerzen und Viren völlig entkommen zu können, sie völlig verschwinden lassen zu können. Es geht auch darum, sie ins Leben zu integrieren, ins persönliche und in das gesellschaftliche. Zu ihrer Bewältigung ist mehr notwendig, als sie mit Medikamenten und Impfungen zu bekämpfen. Notwendig im Sinne von Not wendend ist auch ein gewisses Maß an Akzeptanz, dass das Leben sterblich ist, und die Kraft der Hoffnung - also ein gesunder Optimismus, der Bedrohung zum Trotz.

Hoffnung ist der Wille zur Zukunft

Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben: "Den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Er ist die Gesundheit des Lebens." Diese Gesundheit des Lebens für die Zeit in und nach Corona wünsche ich uns: Dass die Menschen wieder miteinander reden können, dass die angstbesetzte Polarität der Reaktionen auf Corona einem zuhörenden und diskutierenden Miteinander Platz macht. Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss wieder Atem bekommen.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

Weitere Informationen
Eine Zusammenstellung von Bildern: Christian Drosten, eine Flasche Cocid 19 Vaccine, Eine alte Frau bei der ein Corona Test durchgeführt wird. © picture alliance, colourbox Foto: Michael Kappeler

Corona-Chronologie: Die Ereignisse im Norden

Ende 2019 bricht in China eine bis dato unbekannte Lungenkrankheit aus. Wenige Wochen später gibt es den ersten Fall im Norden. mehr

Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (l, SPD) und der CSU-Vorsitzende Markus Söder geben eine Pressekonferenz im Bundeskanzleramt zu den Ergebnissen der Bund-Länder-Beratungen. © dpa-Bildfunk Foto: Hannibal Hanschke/Reuters/Pool/dpa

Corona-Gipfel: Wird Lockdown verlängert und gelockert?

Bund und Länder wollen heute über einen Stufenplan beraten, der das Land schrittweise aus dem Lockdown herausführen soll. mehr

Bundeskanzlerin Merkel und Berlins Bürgermeister Müller während einer Videokonferenz mit den Ministerpräsidenten zur Corona-Krise © dpa Foto: Steffen Kugler

Corona-News-Ticker: Heute tagt der Bund-Länder-Gipfel

Ab 14 Uhr beraten die Regierenden über das weitere Vorgehen in der Pandemie. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 14.02.2021 | 09:25 Uhr