Stand: 26.03.2020 19:25 Uhr

Jazz in Zeiten von Corona - Teil 2

Am Mikrofon: Jan Tengeler

Wesentliches hat sich nicht verändert, seitdem wir in der letzten Woche darüber berichteten, wie sich die Corona Krise auf die Jazzszene auswirkt - außer, dass inzwischen noch mehr Konzerte abgesagt worden sind und die Ratlosigkeit eher zu- als abnimmt. In der vergangenen Woche haben wir vor allem mit Musikern gesprochen. Im neusten Bericht von Jan Tengeler stehen zwei kleinere Labels im Fokus, die sich auf die Arbeit mit deutschen Jazzmusikerinnen und Jazzmusikern konzentrieren.

Traumton - ein Berliner Label

Stefanie Marcus von Traumton Records © Linn Marx Foto: Linn Marx
Mitbegründerin des Labels "Traumton Records" Stefanie Marcus. Das Spektrum des Labels reicht von Chanson und Weltmusik über Elektronik und Ambient bis zu Jazz und Avantgarde.

"Alle Konzerte, Workshops, Proben sind bis zum 18. April abgesagt. Es wurde viel telefoniert, gemailt und Ausweichtermine besprochen für diesen Sommer, aber auch viel für Herbst."  Das hatte Frederik Köster vor wenigen Tagen zu Protokoll gegeben. Er war gerade dabei, sein neues Album 'Golden Age' in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Veröffentlicht wurde es bei Traumton. Stefanie Marcus führt das Berliner Label, zu dem auch ein Studio und ein Musikverlag gehören. "Ich hatte aus unerfindlichen Gründen eine recht konservative Jahresplanung gemacht und mir vorgenommen, dieses Jahr nicht so viel zu veröffentlichen, um mich um die Neuveröffentlichungen jeweils intensiver zu kümmern. Und dadurch habe ich jetzt die letzte Veröffentlichung für das Frühjahr, Ende April. Da ist alles vorbereitet, das ist anpromotet, und das ist alles gut in Arbeit."

Hoffnung auf Onlineshops

So gesehen ist Stefanie Marcus noch recht gelassen. Aber klar ist, dass über CD Verkäufe derzeit kein Geld generiert wird. Diese werden vor allem bei Konzerten gekauft, und die finden ja bekanntlich nicht statt. Gibt es dafür nicht Menschen, die sich das im Internet bestellen? "Amazon hat sich an die Vertriebe gewandt und denen mitgeteilt, dass sie im Moment das Repertoire nicht mehr aufstocken", erzählt Stefanie Markus, "weil sie ihren Schwerpunkt jetzt bei anderen Dingen sehen. Also, ich will jetzt nicht polemisch sein, aber vielleicht eher Atemschutzmasken und Toilettenpapier. Oder es gibt auch viele Leute, die sich jetzt ihre kompletten Einkäufe liefern lassen." Mit anderen Worten: wenn ich mir eine CD aus dem Traumton-Katalog liefern lassen möchte, z.B. die neue Aufnahme der Band 'Masaa', dann bekomme ich sie nicht in zwei Tagen, sondern vielleicht in zwei Wochen oder ich bekomme sie gar nicht, wenn Amazon sie nicht mehr auf Lager hat. Aber natürlich kann man sie immer direkt beim Label oder bei gut sortieren CD-Onlineshops bestellen. "Also Bandcamp hat angeboten, einen Tag lang auf seinen Share an den Verkäufen zu verzichten. Das war am letzten Freitag, und das hat eine unglaubliche Solidarwelle erzeugt, also es haben sehr, sehr, sehr viele Menschen weltweit Musik über Bandcamp gekauft." Bandcamp ist ein Online-Musikdienst, der insbesondere von kleinen unabhängigen Künstlern und Plattenfirmen genutzt wird. Auch das Label Traumton konnte von dem Aktionstag profitieren, erzählt Stefanie Marcus. Finanziell sei das zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen, aber ungemein wichtig für die Moral.

Herzog Records in Hamburg

Rüdiger Herzog von Herzog Records.  Foto: Christian Erber
Rüdiger Herzog in seinem Büro in Hamburg-Ottensen.

Auch Rüdiger Herzog aus Hamburg sieht nach wie vor Solidarität und Verständnis in der Szene. Auch er betreibt ein kleines Label, zu dem eine Booking Agentur gehört. "Mein Arbeitsalltag hat sich eigentlich, was das Zeitliche betrifft, gar nicht verändert. Montag vor einer Woche kam ich aus dem Urlaub, da war für die Kreativbranche der Stillstand schon in vollem Gange. Ich habe meinen Computer hochgefahren, und im Grunde habe ich ab diesem Zeitpunkt nur unerfreuliche Mails erhalten, die primär Konzertabsagen waren." Absagen gab es unter anderem für Lisa Bassenge, die gerade ihre jüngste Veröffentlichung 'Mothers' vorstellen wollte. Nachholtermine sind begehrt. Aber wann könnten die überhaupt stattfinden? "Der Herbst ist in der Tat vehement im Gespräch. Der ist natürlich auch schon seitens der Veranstalter zugebucht. Da jetzt einfach eine Tour nachzuholen, ist aus meiner Sicht nahezu unmöglich. In meinem konkreten Fall spricht man auch schon über 2021. Viele Veranstalter - und das ist ja auch berechtigt - wollen die gekauften Tickets beibehalten und schieben." Jetzt also schon an das kommende Jahr denken - auch, weil die Bilanz für dieses Geschäftsjahr im Prinzip bereits kaputt ist. Ca. 30 000 Euro hatte Rüdiger Herzog aus den Konzerterlösen der nächsten Wochen fest eingeplant.

Beitrag zum Nachhören
Stefanie Marcus von Traumton Records © Linn Marx Foto: Linn Marx
12 Min

Corona und die Jazzszene Teil 2

Gerangel um Nachholtermine? CD-Verkauf auch ohne Konzerte? Zwei Labelbetreiber berichten über die akuten und langfristigen Folgen - aber auch über Solidarität und Verständnis. 12 Min

Warten auf den Herbst

Als kleine Hoffnung bleiben die staatlichen Hilfen. "Wir haben hier in Hamburg ja die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, die IHM, das ist eine Vereinigung von knapp über 100 Musikbranchen-Firmen. Mit Timo Wiesmann, dem Geschäftsführer, stehe ich in Kontakt. Ich erkundige mich, wie er die Dinge einschätzt, welche Hilfspakete man ansteuern sollte, was es überhaupt gibt. Einen großen Kredit aufzunehmen, selbst bei guten Konditionen, das will ich meiden, das ist für mich ein aufgeschobenes Problem." Weniger Arbeit hat Rüdiger Herzog also nicht. Das administrative Rad steht nicht still, auch, wenn es draußen ruhig ist - keine Flugzeuge am Himmel, keine Dicken Pötte, die den Hamburger Hafen verschmutzen würden. Die Metapher von einem großen Boot ist für Herzog aber trotzdem präsent: "Wir sitzen in einem Boot, wir sind Kulturschaffende. Der Senator Carsten Brosda ist einer, der die Nöte und Sorgen der kleinen Clubs, der Veranstalter und Label versteht. Wir schaffen ja einen gesunden Nährboden, um eine Stadt attraktiv zu halten. Im Herbst wollen wir gestärkt an den Start gehen, dann wird ein vehementer Zuspruch der Menschen da sein, wieder auf Konzerte gehen zu wollen. Wann immer dieser Zeitpunkt ist, die Lust wird dann so groß sein, dass die Clubs wieder voll sind, dass wieder die Getränke fließen. Das ist der Tag, den ich herbeisehne. Aber ich glaube, er wird frühestens im Herbst kommen."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 26.03.2020 | 22:05 Uhr

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