Stand: 18.03.2020 12:11 Uhr

Jazz in Zeiten von Corona - Teil 1

Am Mikrofon: Jan Tengeler

Seit einer knappen Woche ist klar, dass keine öffentlichen Veranstaltungen mehr stattfinden, bundesweit und zwar mindestens bis Karfreitag, also bis zum 10. April. Beim Jazz geht es zumeist nicht um große Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern, sondern überwiegend um kleinere Konzerte mit unter hundert Besuchern im Club. Die Gagen mögen dementsprechend geringer sein, aber ihr Ausfall ist besonders schmerzlich. Für eine große Szene von freischaffenden Musikern brechen die kompletten Einnahmen weg, und das gilt ebenso für die Veranstalter, die Konzertvermittler und Techniker.

Konzerte und Tourneen abgesagt

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Dem Posaunisten Nils Wogram wurde seine komplette Jubiläumstour mit 15 Konzerten abgesagt.

"Ich stand ja vor vielen Konzerten, wegen der Jubiläumstour ab dem 13. März. Alles stand, alles war gebucht. Man sah die Bedrohung kommen. Wir haben gesagt, wir sagen die Konzerte nicht ab und machen es einfach", erzählt Nils Wogram. Seit 20 Jahren spielt der Posaunist mit seinem Quartett 'Root 70'. Eine international besetzte Band mit Musikern aus den USA und Serbien. Die Zusammenstellung einer Tour ist da besonders kompliziert. In der letzten Woche ging es oft hin und her, ja, nein, abwägen - bis ihm die Entscheidung am Donnerstag, dem 12. März, abgenommen wurde: "Im Laufe des Tages: der erste Veranstalter, Domicil in Dortmund, hat alles abgesagt. Das war der Startschuss. Wir fangen die Tour an, und dann kommen die nicht zurück … oder die Musiker stehen unter Quarantäne, das ist nicht sinnvoll. Wie ein Kartenhäuschen wurde ein Konzert nach dem anderen abgesagt. 15 Konzerte, das ist super bitter."

Existenzielle Verluste durch die Ausfälle

Bitter ist vor allem der finanzielle Ausfall. Wogram hat es ausgerechnet: 35.000 Euro hätte er in den nächsten 2 Wochen mit seiner Band erwirtschaftet, Geld für seine Musiker, seine Agentin und seine Familie. Einfach weg. Der Trompeter Frederik Köster hat gerade eine neue CD veröffentlicht und war dabei, sie bei verschiedenen kleinen Touren zu präsentieren. Bis vor kurzem: "Seit letzter Woche Mittwoch wurden mir alle Workshops, Proben, Konzerte bis zum 18. April abgesagt. Donnerstag war das letzte Konzert, es wurde viel telefoniert, gemailt, Ausfalltermine für diesen Sommer und Herbst besprochen. Der finanzielle Verlust ist zwischen 3.000 und 4.000 Euro an Gagen. Es ist noch überschaubar wegen der Osterferien, danach wird es noch viel mehr werden."

Beitrag zum Nachhören
11:10

Corona und die Jazzszene Teil 1

Für Jazzmusiker brechen die Einnahmen weg und das gilt ebenso für die Veranstalter, die Konzertvermittler und Techniker. Jan Tengeler hat sich umgehört in der Jazzszene. Audio (11:10 min)

Kurzarbeitergeld für Spielstätten

Matthias von Welck, Geschäftsführer des Stadtgartens - einer der größten Bühnen für Jazz in Köln - erklärt: "Fast 40 Veranstaltungen bei uns. Es ist ein großer Schaden für die Künstler, auch Toningenieure, die haben alle kein Einkommen. Aber wir haben eine Lösung gefunden: Es gibt aufgrund des Kurzzeitarbeitergeldes die Möglichkeit, 60 Prozent auszuzahlen." Über hundert Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen - inklusive Gastronomie - zu Spitzenzeiten. Im März ist eine solche Spitze. Das Kurzarbeitergeld kann Welk für seine Festangestellten beantragen. Ob sein Bemühen gelingt, auch den Künstlern davon etwas zukommen zu lassen, kann er derzeit nicht beurteilen. "Wir wissen noch nicht, wo das Geld herkommt. Natürlich wollen wir aufgefangen werden. Die großen Banken sind 2008 auch aufgefangen worden, warum nicht auch die Kleinen. Da heißt es ganz klar: der Kampf von unten und zeigen, auch die Kleinen brauchen was."

Sofortmaßnahmen - aber was bedeutet "sofort"?

Der Kampf von unten - auch die Kleinen brauchen was. Im Moment haben sie nichts. Keine Chance, ihre Kunst öffentlich aufzuführen, keine Chance, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zu den Sofortmaßnahmen, die die Bundesregierung beschlossen hat, gehören: die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes, Liquiditätshilfen und die Stundung von Steuerzahlungen. Aber was heißt das genau und wie kommt man da ran? Wer soll sich derzeit darum kümmern, wo doch das öffentliche Leben langsam zum Erliegen kommt?

In der Szene ist jedenfalls die Skepsis groß, ob man jeweils irgendetwas erstattet bekommt. Dazu Nils Wogram: "Auf welcher Grundlage kann das laufen? Vieles ist nicht so wie bei großen Firmen mit detaillierten 30-seitigen Verträgen, man muss vorsichtig sein mit Hoffnung auf staatliche Hilfen." Wogram, der seit vielen Jahren in der Schweiz wohnt, stellt sich auf das Schlimmste ein: weitere Ausfälle auf längere Sicht. Eine existentielle Bedrohung, der Wogram derzeit so begegnet. "Wichtig wird sein, nicht in Depression zu verfallen. Möglichst sparsam leben. Jetzt fängt die Gartensaison an - Gemüse selber anbauen, das wird uns helfen."

Dieses Thema im Programm:

Jazz | 18.03.2020 | 22:05 Uhr