Stand: 14.11.2019 11:06 Uhr

Große Dynamik

Organic Machines
von Pol Belardi's Force 
Vorgestellt von Ralf Dorschel
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Die vier Musiker führen auf "Organic Machines" den Hörer in eine Ära der Technik und Maschinen.

Könnte sein, dass Pol Belardi chillt. Vielleicht ist er aber auch einfach nur erschöpft zusammengesunken. Jedenfalls begrüßt der Luxemburger uns auf seiner Webseite mit geschlossenen Augen - liegend inmitten eines gewaltigen Haufens aus Instrumenten: Da ist ein Vibrafon, da sind Schlagzeug und Percussion, da sind Keyboards und Synthesizer und, nicht ganz zufällig, mehr in der Mitte eine Bassgitarre. Das Stillleben mit ruhendem Künstler kommt hin: Pol Belardi hat viele Jobs in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Er ist Komponist und Musiklehrer, er leitet Bands wie Force, Urban 5, DillenDub, Birth and Death of a Star und Urban Voyage, spielt dort all das Instrumenten-Arsenal vom Foto - und ab und an begleitet er Freunde und Kollegen wie Pascal Schuhmacher am Bass. "Ich muss und will nicht unbedingt im Vordergrund stehen. Ich bevorzuge die Arbeit im Schatten", so sagt Belardi.

Spannung und Leidenschaft

Ein Künstler zwischen den Stühlen und Stilen, zwischen der Jazzszene in seiner Heimat Luxemburg und der in seiner Wahlheimat Amsterdam - und jetzt mit "Organic Machines" an einem Punkt, wo all das Gehörte und Verarbeitete vor allem eins wird: organisch. Die Frage ist ja nicht, wie viele Ideen, Idole und Stile man in den Mix zu werfen vermag: Die Zeiten puristischer Dünkel sind auch im Jazz längst vorbei, das leise Improvisations-Genie des Abends ist gleich morgen wieder Teil einer Rock-Band und sorgt übermorgen für die Beats eines HipHop-Projekts. Das mag Leidenschaft sein, Neugier oder einfach nur die Unvermeidbarkeit des Broterwerbs.

Daher mangelt es aber auch nirgends an frischen Wind im Jazz - spannender ist die Frage, wie man aus all dem eine neue Einheit formt - wie man Sinn macht angesichts der aktuellen Diversität. Pol Belardi hilft dabei sein Sinn für gute Geschichten, für die Dramaturgie und für die Kraft der Pausen. Und die Kreativität seiner Band, die seit vielen Jahren zusammenhält. Ganz langsam schrauben sich Stücke wie "Heartbeat Pulse/Sync", "Drive" oder "Alone" hoch bis zum erlösenden Klimax - eine Spannung, die über Minuten gehalten wird, als wäre irgendwo in den Kulissen der Geist der frühen Pat Metheny Group mit Lyle Mays zu verorten. Ambient und Kammer-Jazz stehen im Raum, elektronische Effekte werden fein dosiert eingesetzt - und nichts verliert sich im Unverbindlichen, nichts ist selbstverliebte Klangübung. Und manches tobt sogar wüst: "Ride the Tiger" ist genau das - ein irrwitziger Ritt auf dem Tiger, der seine Inspiration irgendwo aus dem Jazzrock der 1970er entnommen hat. "Ich brauche ganz einfach Vielfalt", so Belardi: "Jazz, Electro, Pop, Rock, Fusion und sogar HipHop können interessante Erfahrungen und Begegnungen hervorrufen". Auf "Organic Machines" macht der Luxemburger Ordnung in der Vielfalt - streng organisch.

Organic Machines

Genre:
Jazz
Label:
Cristal Records
Veröffentlichungsdatum:
22.11.2019
Preis:
17,29 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Play Jazz! | 18.11.2019 | 22:05 Uhr