Stand: 21.07.2020 09:59 Uhr

Seidler: "Antisemitismus ist salonfähiger geworden"

Rebecca Seidler © Rebecca Seidler
Antisemitismus werde immer unverblümter zum Ausdruck gebracht, sagt Rebecca Seidler, die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover.

Rebecca Seidler ist Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover und Antisemitismusbeauftragte des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen. Im NDR Info Interview erklärt sie, welche Bedeutung der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle für die Jüdische Gemeinde in Niedersachsen hat. Nach dem Anschlag auf die Synagoge der Stadt muss sich ein 28-Jähriger wegen zweifachen Mordes und mehrfachen Mordversuchs verantworten.

Frau Seidler, was war die erste Reaktion in ihrer Gemeinde auf den Anschlag im Oktober 2019? Haben Sie zum Beispiel auch die Sicherheitssysteme überprüft?

Rebecca Seidler: Als wir damals die Nachricht erhielten, was passiert war in Halle, waren wir natürlich alle tief getroffen. Wenngleich ich auch sagen muss, wir waren nicht überrascht, denn für uns war vorstellbar, dass solche Anschläge passieren können. Am damaligen Tag sicherten wir erst einmal umgehend das Gebäude, brachten unsere Mitglieder in Sicherheit und standen auch mit der örtlichen Polizei und dem Staatsschutz in enger Verbindung, die auch umgehend zur Synagoge kamen. Unsere Gemeindemitglieder waren sehr unruhig und es war eine emotional sehr belastende Situation. Seit dem Anschlag in Halle steht die Polizei nun permanent vor der Jüdischen Gemeinde, und die Sicherheitsmaßnahmen wurden überprüft und auch noch einmal hochgefahren. Es ist einerseits traurig, dass das überhaupt in Deutschland wieder notwendig ist. Andererseits ist es für die Jüdische Gemeinde wichtig, hier auch eine sichtbare Unterstützung zum Schutz der Gemeindemitglieder zu erhalten.

Was hören Sie aus Ihrer Gemeinde? Hat sich nach dem Anschlag von Halle etwas verändert?

Seidler: Für unsere Gemeindemitglieder ist Antisemitismus alltäglich. Er ist auch salonfähiger geworden. Was wir wahrnehmen ist, dass er offener und auch unverblümter zum Ausdruck gebracht wird. Und was ich auch registriere, ist vor allem eine Zunahme im öffentlichen Bereich. Das heißt also in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder auch in der Schule. Dieser Alltags-Antisemitismus ist insofern herausfordernd, als das Jüdinnen und Juden oftmals auch alleine gelassen werden in schwierigen Situationen. Ein Gemeindemitglied hat mir gerade letzte Woche berichtet, dass sie in der Straßenbahn als Jüdin beschimpft und geschubst wurde, da sie eine Davidsternkette sichtbar trug. Und niemand ist eingeschritten. Als die Betroffene ausstieg, kam ein weiterer Fahrgast zu ihr und lobte sie für ihre mutige Abwehrreaktion. Aber die Jüdin hat sich natürlich kein Lob gewünscht, sondern sie hätte sich gewünscht, dass jemand in der konkreten Situation hilft und aufsteht.

Es heißt, es sei wichtig, mit den Opfern zu sprechen - und nicht nur über sie. Es ist die Frage, ob das ein juristischer Prozess leisten kann. Aber ist es generell auch ein Punkt, den Sie auch erleben?

Seidler: Es ist ganz wichtig, dass vor allen Dingen auch die Perspektive der Betroffenen einbezogen wird. Das nehmen wir auch in Situationen wahr, die hier im Alltag passieren. Wenn zum Beispiel ein Schüler in der Schule antisemitisch angegangen wird, dann wird oftmals über diesen gesprochen, aber nicht mit ihm. So wird die emotionale Ebene ausgelassen, und das ist fatal für die Betroffenen. Von daher ist es wichtig, auch auf die Perspektive innerhalb der jüdischen Community aufmerksam zu machen. Ich weiß, dass viele den gesamten Prozess mit einem wachsamen Auge verfolgen. Man hofft, dass das Problem des gewaltbereiten Rechtsextremismus ernst genommen und auch erkannt wird. Denn wir sprechen hier letztlich auch nicht von einem Einzelfall, wenn wir uns an den Mord an Walter Lübcke oder an Hanau ( erinnern.

Wie kann Antisemitismus ausgebremst und solches Gedankengut verhindert werden? Wo sehen Sie da Chancen?

Seidler: Ich würde an verschiedenen Stellen ansetzen. Als allererstes geht es um Zivilcourage. Antisemitismus findet ja nicht im Verborgenen statt, sondern meist im öffentlichen Kontext. Und hier ist es wichtig, direkt einzuschreiten, Grenzen zu setzen. Denn Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern alle Demokraten. Nur gemeinsam kann man dem auch begegnen. Es gibt sehr gute Projekte - auch im Bereich der Prävention und Intervention - im Kampf gegen Antisemitismus. Hier sehe ich jedoch das Problem, dass viele dieser Projekte befristet sind, mal für ein halbes Jahr, mal für ein Jahr. So sind die Projektbeteiligten sehr häufig eher mit der Bürokratie und der Antragstellung beschäftigt als mit der inhaltlichen Arbeit. Und hier würde ich mir mehr Langfristigkeit wünschen, mehr Kontinuität in der Projektförderung. Wir müssen außerdem sehr früh anfangen, im Prinzip schon im Elementarbereich, danach in der Schule. Und da brauchen wir Kontinuität.

Das Interview führte Birgit Langhammer, NDR Info

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 21.07.2020 | 07:50 Uhr

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