Stand: 23.07.2020 11:46 Uhr

NS-Verbrechen: "Mord verjährt nicht"

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Bruno D. war als 17-Jähriger Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig.

Vor dem Hamburger Landgericht ist das Urteil für einen früheren KZ-Wachmann verkündet worden. Der 93-Jährige ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 5.000 Fällen zu einer zweijährigen Jugendhaft auf Bewährung verurteilt worden. Er war zum Tatzeitpunkt erst 17 Jahren alt.

Mehrheit für Verfahren gegen Täter

Thomas Will hält als stellvertretender Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen die Verfahren gegen hochbetagte Täter und Mittäter für wichtig. "Die Politik und der Gesetzgeber wollen, dass Mord nicht verjährt. Das ist eine Grundsatzentscheidung, die auch angesichts der NS-Taten getroffen wurde, die damals zu verjähren drohten", sagte Will im Interview auf NDR Info vor der Urteilsverkündung. Die Mehrheitsgesellschaft wolle, dass diese Taten auch heute noch verfolgt würden. Angesichts der ungeheuerlichen Massenmorde gehe es heute auch um Wiedergutmachung.

Es gibt immer weniger Zeugen

Will ist der Meinung, dass es auch nach vielen Jahrzehnte noch möglich ist, objektiv festzustellen, was damals passierte und welche Anteile Täter oder Mittäter daran hatten. Trotzdem sei es nicht einfach, die Fälle nachzuweisen. "Wir haben keine Tatortbeweise mehr, wir haben immer weniger Zeugen, wir können in diesen Fällen keine konkreten Taten nachweisen." Das sei aber nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes auch gar nicht nötig. Die allgemeine Dienstausübung im Konzentrationslager könne schon als Beihilfe in Konzentrationslagern zu werten sein.

Ermittlungen in Archiven und Gedenkstätten

"Wenn wir eine Person ermittelt haben, die noch lebt, dann versuchen wir, alles zusammenzusuchen, was wir von dieser Person noch finden können", erklärte Will. Dazu fahren er und sein Team in Gedenkstätten, Archive oder auf das Gelände ehemaliger Lager. "Wenn wir da Unterlagen finden, zum Beispiel Munitionsausgabe- oder Bekleidungslisten, dann können wir beweisen, dass die Person zu dem Zeitpunkt im Lagergeschehen integriert war." Viele Angehörige von Opfern würden es wichtig finden, dass die Fälle verfolgt würden und an die Öffentlichkeit kämen. Die Höhe der Strafe spielt nach Meinung von Will dabei eine sekundäre Rolle. Derzeit würden in Deutschland 14 Verfahren gegen KZ-Angehörige laufen. Bei diesen müsse laut Will noch entschieden werden, ob Anklage erhoben werde.   

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 23.07.2020 | 07:40 Uhr

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